30.04.2007

Die Blue Sky Boys (4): Treppe putzen für den Bruder

WHERE THE SOUL (OF MAN) NEVER DIES


Lässt man die Songs der Blue Sky Boys durchskippen, nach drei Sekunden zum nächsten, dann entwickelt sich ein unendlicher, leicht variierter Loop eines einfachen Mandolinen-Themas, immer wieder und wieder, immer wieder gleich, immer wieder anders, bis in Ewigkeit, Amen.

Und da wollen sie auch hin, Bill und Earl und hunderttausende Andere, dahin wo die Seele des Menschen niemals stirbt, wo sie Entschädigung erhoffen für den Scheiß auf Erden, so hat es William M. Golden 1914 mit frommeren Worten als Gospel formuliert. Und wenn die Stimmen von Bill und Earl korrespondieren, die GOldenen TReppenstufen für den jeweils anderen putzen, wenn dann Bills Stimme in die Höhe steigt und den Vers weiter trägt, begleitet vom sonoren Summen seines Bruders und sie sich am Ende wieder treffen „where the soul of man never dies“, dann, nein, dann glaube ich nicht an den Himmel, dann denke ich stattdessen an ein Leben, welches solche Hoffnungen braucht, um überlebt zu werden.

13.04.2007

Michael J. Sheehy: Bitte zerschinden!


Die spiegelglatte Plastik-Hülle von Michael J. Sheehys neuer CD „Ghost On The Motorway“ war schon übel zerkratzt, kaum vier Tage nachdem sie mir ein freundlicher Geist über den Motorway hat zukommen lassen. Ein gutes Zeichen. Denn gute Musik bekommt bei mir nicht nur zwingend einen Körper nachgekauft, selbst wenn sie erstmal körperlos als mp3-Datei vorhanden sein sollte, sondern sie bekommt dann auch sehr schnell einen geschundenen Körper. Aberdutzende dieser geschundenen LP-Cover stehen und liegen hier rum, zerfleddert, an den Ecken vom vielen Angefummel ganz weich und faserig geworden, die Titel auf dem schmalen Rücken ins Unleserliche abgerieben. Bei CDs mit guter Musik geht die Abrasion noch schneller voran als bei LPs. Die Plastikhüllen wandern ständig zwischen Wohnung und Auto hin und her, um ja keine Gelegenheit ungenutzt zu lassen, deren Inhalt lauschen zu können. Sie werden während der Autofahrt blind durchwühlt und gegriffen und dann wieder und wieder zurück geworfen auf den Plastikhaufen der gerade als essenziell empfundenen CDs, der sich chaotisch auf dem Nebensitz türmt, oder sie fallen gar in den tiefen Gletscherspalt zwischen Sitz und Tür, eingeklemmt und verletzt wie Bergsteiger, die sich beim Sturz ihre Knie an den steilen Felswänden aufschlagen. Sammelt man die CDs am Ende des Tages wieder ein und stopft sie hektisch unter viel Plastikgeklapper in den noch sandigen Rucksack und schüttet ihn dann in der Wohnung wieder aus, haben die Hüllen den Status von undurchsichtigem Milchglas erlangt.

Genau so muss gute Musik aussehen!

Michael J. Sheehys neue CD „Ghost On The Motorway“ sieht genau so aus. Eigentlich sieht auch Michael J. Sheehy so aus. Auch er ist gerüttelt und geschüttelt worden vom Leben, hat Blessuren abbekommen, sich zum Beispiel am Glauben gerieben (der Spiegel würde „zwischen Papst und Porno“ stabreimen, oder „zwischen Gospelkirche und Gangbangkino“) und ist einige Male vor den Kopf gestoßen worden, durch Trennungen, Enttäuschungen, Irrtümer und den Folgen irischer Trinkfestigkeit - und mindestens auch durch recht chronische Erfolglosigkeit. Sheehy hat also was erlebt, und guter Musik steht es ausgezeichnet, wenn sie was erlebt hat. Es liegt daher nahe, dass sich Sheehys Musik an anderen erlebnisgetränkten Musiken orientiert. An Tom Waits zum Beispiel, an Leonard Cohen, an kontemplativen, indifferenten Momenten von Van Morrisson meinetwegen auch. Addiere Gospel, addiere schwergängigen, alten Folk („alt“ wie in „old primitive“), addiere nicht gehaltene Versprechen, addiere den lakonischen Katzenjammer nachdem das Blut der gebrochenen Nase getrocknet ist. Und addiere ein paar seltsame Augenblicke der Beau Brummels, als diese ohne Drummer ihre Folklinse künstlich unscharf stellten, um in nicht greifbarem Zwielicht zu versinken. Addiere auch eine virtuos zwischen Transparenz und mumpfig-aufgesumpft austarierte Produktion, die genau so viel im Klaren lässt, dass sie klarstellt, dass das Wichtige im Unklaren verborgen bleiben muss. Und je mehr ich Michael J. Sheehys „Ghost On The Motorway“ zwischen Auto und Wohnung zerschinde, desto mehr verbirgt sie vor mir. Sie hat sich jede Schramme redlich verdient.


M.J. SHEEHY WEBSITE

ROBERT MIEßNER ÜBER SHEEHY

08.04.2007

Die Blue Sky Boys (3): Familienaffäre

THERE'LL COME A TIME

Mann Mann, eine Frau verliess Mann und gemeinsame junge Tochter für einen anderen. Kommt vor, Mann, kommt vor. Klar, der Verlassene ist traurig, die Tochter fragt warum. Daddy erzählt es. Daddy erzählt auch gleich, dass Mommy zwischendurch in ihr altes Haus zurückkehrte, um zu sterben. Dann schlägt die Moral zu, Mann Mann Mann: Pappi hat nämlich Angst um seine Tochter, denn wenn er mal dahingeschieden ist, wer soll sie dann leiten? Und ausserdem hat er Schiss, dass Tochterherz ihren Pappi eines Tages mal genauso verlassen wird wie ehemals seine Frau es tat (als wäre das das Gleiche!). Und was ist seine Quintessenz? Liebe Tochter, wenn du dereinst heiratest, dann denke an meine Worte und ehre deinen Gatten und verlass' ihn nicht. Echt, ich sag euch, wenn mich nicht die Blue Sky Boys so einseifen würden mit ihrem Gesang, einlullen mit ihrem Wiegenliedsound aus Mandoline und Gitarre, ich würde die Einser und Nullen dieser Einundsiebzig Jahre alten Aufnahme aus der CD kratzen. Aber so muss ich leider kapitulieren. Ich hoffe nur, Tochterherz verlässt ihren Zukünftigen, falls der sich als Arschloch erweist. Vielleicht hört sie mich ja, auch wenn ich nicht so ausserweltlich singen kann.