24.02.2007

Die Blue Sky Boys (2)










SUNNY SIDE OF LIFE

Ein frommer Wunsch, klar, die sonnige Seite des Lebens möge auf dieser Seite des Daseins liegen. Unsere beiden Bolick-Brüder vermuten sie jedoch auf der anderen Seite. Eines Tages, du weißt schon, wenn man stirbt, wenn man endgültig tot ist, tot, tot, tot, dann liegt das Gute vor und, klar, der ganze Scheiß hinter dir. So steht’s in „Reformation Glory“, dem Gesangsbuch von Daddy Bolick. Nicht ganz mit meinen Worten steht es da, klar.

Die Brüder packen also mal wieder Mandoline und Gitarre aus, d.h. sie packen sie gar nicht erst wieder ein, an diesem 16. Juni 1936. Sie stehen am Mikro, Song auf Traditional auf Gospel folgt. Sie sind die Blue Sky Boys. Ob das Southern Radio Corp. Building, 208 S. Tyron Street, Charlotte, North Carolina an diesem Tag ein wenig ins Wanken gerät, während Bill und Earl beginnen, ihre Stimmen ineinander zu bringen? Klar.



21.02.2007

Jimmy Miller: Wer machte den Break? - Eine Beweisaufnahme



Angeregt durch meine sehr sporadische „The Wire“-Lektüre möchte ich das Ohrenmerk gerne einmal von Langspielplatten weg lenken, weil über kurz oder lang die Langspielplatte (CD, LP, whatever) sowieso bald ausgedient haben wird (oder zumindest in eine staubige Nische verschwindet, wo man mich dann sabbernd Unzusammenhängendes brabbeln wird hören können). Stattdessen werden kleinere Einteilungen die Oberhand gewinnen. Ja, sie haben es in vielen Bereichen eigentlich längst schon getan: Die Welt wimmelt von James-Brown-Samples oder anderen Drum-Loops aus in trockenen Kellern in Berkeley, California, ausgegrabenen Funk-Singles. Der Kölner Jan Jelinek perfektioniert seit Jahren schon die Kunst, Samples innerhalb eines selbstgewählten Kontextes (Kraut, Wave, Jazz, Fauna) zu wählen und sie in so kleine Einheiten aufzuspalten, dass sie nur noch als Reflektionsflächen dienen, die den Urspungskontext in völlig neuen Farben spiegeln. Eine Art unkonkretes und nur emotional erfassbares Sampling entsteht bei ihm.

Um die völlige Atomisierung des Samples durch Jan Jelinek (oder besser Molekülisierung, denn der Ursprung schwingt ja - rational nicht fassbar - bei seinen Tracks immer noch mit) soll es aber diesmal gar nicht gehen. Es geht um ein im konservativen Sinn noch intaktes, nämlich absolut erkenntlich im Kontext verhaftetes, stinknormales Break.


Ich spreche von einer bestimmten Sorte Break, einer dramatisierenden Art, ein Schlagzeug einzusetzen, die - da bin ich mir fast sicher - in ihrer perfekten Ausformulierung eine Erfindung entweder von Jimmy Miller oder von Glyn Johns ist. Ich traf dieses besondere Break nämlich bisher nur auf einigen Platten der Rolling Stones an - auf den von Jimmy Miller produzierten Alben (und von Glyn Johns tontechnisch betreuten) „Beggars Banquet“ bis „Exile On Main Street“, und eben auf dem immer wieder von mir gelobten (und von Glyn Johns produzierten) Song der Steve Miller Band: „Dear Mary“.

Dieses Break (im Folgenden DAs BReak genannt) setzt in Form einer Sequenz tiefer, kräftiger Schläge auf hart bespannten Trommeln ein, von wo aus der Song dann wahlweise weitergeht wie vorher oder aber schneller und anfeuernder wird. Wie es weitergeht spielt jedoch fast keine Rolle, denn dieses BReak schafft es, einen dramatischen Spin in Gang zu setzen, aus dem sich der Song nicht mehr erholen wird. Er gibt die so aufgenommene Energie nicht mehr ab, er hält sich in dauernder Spannung. Songbeispiele für DAs BReak: “Stray Cat Blues”, “Salt Of The Earth”, “You Can’t Always Get What You Want “, “Moonlight Mile”, “Loving Cup”, oder eben besagtes “Dear Mary” der Steve Miller Band.

Die Stones können dieses BReak nicht erfunden haben, denn so gut wie alles, was Drummer Charlie Watts über das besondere Drumming im Studio lernte, hat er nach eigener Aussage von Jimmy Miller gelernt (der im Übrigen selbst ein exzellenter Drummer war. Er spielte auch das überragende Schlagzeug auf “You Can’t Always Get What You Want “; ebenfalls auch auf „Happy“, und sowieso auf zahlreichen Stones-Songs dieser Phase Percussion). Nun könnte man gegen Jimmy Miller als Urheber einwenden, dass dieses BReak auf der letzten von ihm produzierten Stones-Platte, „Goats Head Soup“, nicht mehr vorkommt. Dies spräche gegen ihn und für Glyn Johns als Erfinder, denn mit Glyn Johns Wegfall als Tontechniker ab „Goats Head Soup“ verschwand auch DAs BReak von den Stones-Platten. Nun muss man aber wohl vermuten, dass sich Jimmy Miller in den Jahren 1973-74, in denen zum einen „Goats Head Soup“ entstand und zum anderen die Vorbereitungen zu „It’s Only Rock’n’Roll“ liefen (an dem Miller letztendlich nicht mehr Teil hatte), langsam aus seinem Bewusstsein verabschiedete, was zum Beispiel dadurch zum Vorschein kam, dass er während der letzten Aufnahmen so fertig war, dass er begann, „Hakenkreuze in Holztische zu ritzen“ (Keith Richards). Die letzten Arbeiten Millers für die Stones dürfen also aufgrund schleichender Unzurechnungsfähigkeit nicht gegen ihn verwendet werden, selbst wenn dort DAs BReak nicht zu finden ist. Ausserdem hat Glyn Johns noch einmal 1974 einen Song der Stones gemixt („Fingerprint File“), der ebenfalls nicht mehr DAs BReak enthält.

Hier verliert sich nun die Spur. War Jimmy Miller nach seinem Ende als Stones-Produzent 1973/1974 überhaupt noch für irgendeine Studioproduktion verantwortlich? Haben er oder Glyn Johns danach noch auf DAs BReak zurückgegriffen? Hat Punk als gefühlte Umkehrung aller Werte in der Rockmusik diesem BReak den Garaus gemacht? Wurde er irgendwann und irgendwo in miefigen Studios auf festgenagelten Schlagzeugsets wieder zum Leben erweckt - erfolglos, von erbärmlich untalentierten Bands am Zeitgeschmack vorbei produziert? Wer kann sachdienliche Hinweise geben, die Licht in diese womöglich im Dunkeln schlummernden Geheimnisse bringen können?

Ich möchte meine Beweisführung, die sich aus dem Anfang dieses Textes noch nicht einmal erahnen lässt, damit nun abschließen. Nach Aktenlage war Jimmy Miller weder der siebte Stone (der sechste war zum damaligen Zeitpunkt schon vergeben) noch der erste Beatle der Stones (das war Billy Preston), oder gar der George Martin der Stones (den gab es nie). Er war auch nicht der Maceo Parker der Stones (Bobby Keys) oder der Luxus-Cowboy der Stones (Gram Parsons). Jimmy Miller war nichts weniger als der beste Charlie Watts der Stones, der Ringo Starr ihrer schwierigeren Texturen - und höchstwahrscheinlich der Obermegasuperlehrer dieses einen innovativen BReaks. Bedenkt das bitte, wenn ihr auf die Gräber verblichener Drummer und Produzenten spuckt. Pflanzt stattdessen ein paar Blumen vor Jimmy Millers Urne, zupft das Unkraut heraus und hakt den Weg. Sucht zwei dünne Äste aus dem Untergrund des kleinen Fichtenhains zur linken. Kommt damit nochmal zurück zum Grab und trommelt kurz und kraftvoll DAs BReak auf die kleine eingesenkte Granitplatte. Lasst euch dabei aber nicht erwischen.

18.02.2007

Die Blue Sky Boys (1)

I'M JUST HERE TO GET MY BABY OUT OF JAIL


Sechzehn und Achtzehn

Zwei - hey - Männer!

Männer?

Zwei Jungen beginnen zu erzählen

Ganze Leben

Zum Erzählen


Zwei - hey - Brüder

Beginnen zu singen

Von einer die sucht

Und die findet

Ihren Mann in Ketten

In Ketten?

Im Knast, Mann!


Werd nicht wie dein Vater

Bat sie

Er wurde

Sie bittet

Den Aufseher


Ich schrupp den Boden

Ich verpfände

Alles was ich habe

Alles was ich hab

Also gib mir meinen Mann


Sie bekommt ihn

Sie küsst ihn

Sie stirbt an ihm


Zwei Brüder beginnen zu singen

1936

Piedmont, North Carolina



16.02.2007

Dälek: Beschwingte Apokalypse (erste Fragmente)

 http://image1.frequency.com/uri/w234_h132_ctrim_ll/_/item/2/8/0/0/Paragraphs_Relentless_2800842_thumbnail.jpg

Vielleicht nicht mehr ganz das reine, dreckige, gewaltige Rauschen und die steinblockartige Superbratze, scheint mir das neue Dälek-Album ("Abandoned Language") - zumindest wenn man von dem Vorab-File auf Pitchfork-Media ("Paragraphs Relentless") auf das ganze Album schließen kann - in Richtung Sophistication zu gehen, nein, elegant zu walzen, nein, mit stahlverstärkten Ballettschuhen zu tippeln, nein, mit Schusswesten zu tanzen, nein, bzw ja bzw alles zusammen. Schwindeliger Track. Das Album erscheint am 27.2. und kann nur (eigenen Superlativ einsetzen, der eine gewisse Schwere und Dunkelheit impliziert und trotzdem einen leicht apokalyptisch-beschwingten Beat besitzt) sein.




Dälek on Ipecac

15.02.2007

Haunted George: What Kinda Tracks Are Those ... Tracks?

Arbeitsgrundlage: Haunted George spielt den rohesten Rock’n’Roll-Rockabilly-Gitarrenkrach aller Länder und aller Zeiten. Gleichzeitig spielt er Schlagzeug, und wenn der Song gerade mal von völlig primitiv auf fast völlig primitiv wechselt, dann kann Haunted George den Beat nicht mehr halten und verstolpert sich. Er versucht dann noch etwas gemeiner zu schreien, damit die Weltöffentlichkeit über seinen faux pas schweigt. Das gelingt ihm hervorragend. Bum Tschok Bum Tschok Bumbum Tschok.

Das Cover seiner LP „Panther Howl“ wirkt wie der Vorspann zu einer Tatort-Folge, die im kalifornischen Splatter-Milieu angesiedelt ist. Der Kölner Inspektor Ballauff lernt bei einem Urlaubsaufenthalt in San Francisco die alternde Poison Ivy kennen (spielt sich selbst). Immer noch unantastbare Autorität in der nachtschattigen Szene legt sie Wert auf ihre Blässe. Umso größer der Schock, als sie eines Morgens mit braungebrannten Armen und Gesicht aufwacht. Frisco in Aufruhr, Ivy in Tränen. Inspektor Ballauff hilft seinen amerikanischen Kollegen undercover aus ...

Im Laufe der Untersuchungen dieses unheimlich gemeinen Verbrechens im Pale-Body-Milieu findet er weitere Opfer, die sich seitdem unter Sonnenlichtabschluss verstecken. Nach und nach durch stimmungsvoll auf unheimlich ausgeleuchtete Sets rennend, kommt Ballauff schließlich einer international tätigen Solarbräunungsmafia auf die Spur.

Nach einigen unlogischen Ver- und Entwirrungen stellt Ballauff zusammen mit den Opfern die Täter, die sich in den hinteren Räumlichkeiten eines Luxus-Solariums verschanzt haben. Im Kugelhagel sterben die fiesen Gangster an obskuren Körpertreffern. Als Soundttrack läuft „Shotgun In My Mouth“, ein kantig-noisiger Rock’n’Horror-Schreier von Lowest-Fi-Alleinunterhalter Haunted George, wohnhaft in der Mojave Wüste, in der auch schon andere ihren Lärm gegen das Heulen von Kojoten antreten lassen mussten.

„Ah Uuuuhh Haa! / What a howlin’ Ah Uuuuhh Haa! / What a howlin’ Ah Uuuuhh Haa! / What a howlin’ Ah Uuuuhh Haa! / In the hills“

Die Songs behandeln das Jenseits („Voices From Beyond“), das baldige Jenseits („Gonna Lynch You“), letzte Kontaktadressen („Graves In The Desert“), Überlebensmaßnahmen gegen Angriffe von Riesenameisen („This Is A Test“) oder haben ein wenig Mitleid mit einem armen Tropf namens Wes Wescott (1871-1889; „Hung in his youth. It was a sad mistake when we found the truth“ steht auf seinem Grabstein auf der Rückseite von „Bone Hauler“, einer Zusammenstellung verstreuter und ausgebleichter Songgerippe). Sie behandeln aber auch das Diesseits; dazu packt Haunted George dann manchmal einen untoten Synthesizer aus und schraubt an einer „Electro Raga Death Machine“. Kein reines Vergangenheitsprojekt also, sondern eine zeitgemäße Version von verrohten Versionen von Single-B-Seiten von Cramps-Vorbildern, die sich selbst die Cramps nicht trauten, auf die Welt loszulassen. „Attention! The unpleasant noise you here on your radio is not a mistake!“. Ich weigere mich, dies kaputt zu nennen.


www.myspace.com/hauntedgeorge

04.02.2007

Bob Dylan: Knietief in oooold Music



Letzes Jahr auf einer Geburtstagsfeier war sehr lange eine uralte Bob-Dylan-Platte zu hören. Zu meinem Erstaunen hat sie mir gefallen. Schnelles, überraschend zeitlos wirkendes Sixties-Folk-Geschrabbel der unwirschen Art. Ein Halbwissender raunte mir heimlich "Subterranean Homesick Blues" zu. Ich schob meine plötzliche Affinität zum näselnden Quaker meiner momentan sehr gestressten Seele zu und einem daraus folgenden minderbemittelten Urteilsvermögen, musste mich aber bald darauf selbst eines Besseren belehren: Nach anfänglicher Sympathie für eine alte Jackson-Browne-Platte, die später am Abend lief, erkannte ich nämlich sehr bald und sehr präzise, dass mich Jackson Browne nur ungefähr alle 12 Jahre für 7-9 Minuten gefangen halten kann, bis ich ihn dann doch als schnöden Songhandwerker durchschaue. Daran konnte ich sehen, dass mein Toll/Quark-Unterscheidungsvermögen weiterhin gut funktionierte.

Bei besagter Dylan-Platte dagegen hielt mein Interesse an, ja es nahm sogar mit weiterer Spieldauer noch zu. Meine ängstliche Frage, ob ich mir nun Sorgen machen müsse, weil ich womöglich - nach mehreren Jahrzehnten Musikbeschäftigung, in denen ich von Dylan so gut wie gar nichts hielt und in denen mir sein quengelnder Gesang und seine quietschende Mundharmonika (und ganz besonders seine zahlreichen furchtbaren „His Bobness“-Fans da draussen in den Komfortzonen und Musikmagazinen) schwer auf die Nerven gingen - doch noch der Kunst dieses Mannes mehr abgewinnen würde können als das unbestimmte Gefühl, er würde irgendwie doch auf meiner Seite stehen, kann ich nur mit „Ja, ich muss mir Sorgen machen“ beantworten.

Denn mit Verwunderung stellte ich unlängst fest, dass mir nicht nur "Subterranean Homesick Blues" auf besagter Party gefiel, sondern mir ebenfalls sein aktuelles Alterswerk „Modern Times“ über die Maßen gut gefällt. Obwohl dort nicht ein einziger irgendwie neuer Ton zu finden ist, wie ich im MOJO nachlas und wie es mir auch Bekannte und Freunde versicherten. Mir fehlen noch etwas die Worte für meine wundersame Konvertierung, kann aber schon mal folgendes behaupten: Bob Dylan singt so gut und so unnervig, wie ich ihn noch nie gehört habe; Bob Dylans blind eingespielte Band schüttelt die alte, alte, alte Musik so dermaßen unanfechtbar aus den Instrumenten, dass man den Glauben an den musikalischen Fortschritt nicht nur verlieren kann, sondern notwendigerweise auch mit Freude verlieren MUSS; Bob Dylan scheint völlig unabhängig vom Erwartungsdruck seiner blöden Fans, dem Spott seiner Gegner und anderen möglichen Gefahren wie Sinnkrisen, Schreibhemmungen oder Tournee-Burn-Outs einfach die virtuoseste nicht-innovative Musik zu machen, die man in der Gegenwart aus amerikanischer (im weitesten Sinne) Folkmusik herausholen kann. Warum „Modern Times“ 2006 in der SPEX noch nicht mal eine einzige Erwähnung fand, ist mir ein echtes Rätsel.