30.01.2007

Laura Veirs presents 'Saltbreakers'


+++ Neues Album von Laura Veirs +++

+++ “In September and October we recorded a new album at
Tucker's house in Seattle. It's called ‘Saltbreakers’ (a term for
'waves') and comes out around the world on Nonesuch Records in late
March. Steve, Karl, Tucker and I are the band, and we'll be touring
around in fancy outfits from late March through early June. I'm proud
of this recording and feel it's our most energetic, visceral yet.” +++

+++
http://www.lauraveirs.com/index2.html +++


28.01.2007

Popmusik: Endlich unwichtig und frei!



Neulich, neulich las ich ein Interview mit Diedrich Diederichsen in der Netzeitung. Diedrich Diederichsen wohnt in Berlin und hockt dort oft in einer Kneipe, die auch Manfred Krug besucht („Ich hab den dort, glaub ich, noch nie nicht gesehen“). Mit Popmusik beschäftigt sich Diedrich Diederichsen nicht mehr so viel, da sie langsam auslaufe, nur noch als Soundtrack für die „digitale Outdoors-Kultur“ diene, ohne in ihr ein Leitmotiv zu sein.

Das stimmt wahrscheinlich, stelle ich nicht ohne Erleichterung fest. Popmusik hat sich aus den Charts der wichtigsten kulturellen Kontexte verabschiedet. Warum sich also immer noch damit abplagen, an Popmusik das Wirken der Welten abzuleiten, ihr eine Bedeutung anzuhängen, die sie nicht mehr hat und auch in Zukunft nicht mehr haben wird - schon gar nicht als Indiemusik? Kann man also endlich den ganzen Kram mit seinen Notenfolgen, seinem Geschrammel und Gegroove, seiner Floor-Euphorie, seinem melancholischen Rückzugsgefeiere, seiner Strategie der unbedingten Aktualität oder seiner elektronischen Entschleunigung durch serielle Experimente und Field-Recordings aus dem Zwang befreien, als irgendwie diffus dringlich und politisch – und sei es auch nur trendpolitisch/stylish – hochgeschrieben zu werden? Man kann und man sollte. Warum? Weil es total befreit. Sich selbst und die Musik.

Gruppenzugehörigkeiten und soziale Netze finden halt woanders als in der Popmusik effektiver statt. Und dort, wo sie stattfinden, sollte man sich und seine Interessen auch in die Datenpools der Gleichgesinnten einpflegen, wenn man möchte. In der Musik hat ein politischer Änderungswillen jedoch nichts verloren, weil Musik keine Veränderungen mehr bewirken kann und es wahrscheinlich auch noch nie konnte, ausser dass sich Generationen die Haare wachsen ließen und/oder abschnitten, je nachdem, was gerade die Strategie und wer der Gegner war.

Heute existieren alle äußerlichen Zeichen einer sozialen Zugehörigkeit unabhängig von der Musik. Ob lange Haare oder kurze, Army-Klamotten oder Windjacke, Vollbart oder Ganzkörper-Rasur, queer oder nicht queer – keine Musikvorliebe ist daraus abzuleiten. Ja selbst die Musikproduzenten sind äußerlich nicht mehr eindeutig zuordbar, auch wenn sie im Prinzip die gleiche Musik machen, so wie z.B. der ungepflegte Vollbart Will Oldham versus des bieder aussehenden Glattrasierten Jason Molina.

Wenn Popmusik keine über sich hinausgehende Kraft ausübt, ausser derjenigen, die man als Individuum in sie hineininterpretiert oder derjenigen als begleitender Soundtrack zu sich aussermusikalisch definierenden sozialen Netzen, dann sollte es auch endlich möglich sein, die Kontexte frei wählen zu können, in denen man die Musik passieren lässt. Kurz: Wenn sich also die Musik schon aus tonnenschwerer Wichtigkeit befreit, dann kann sich auch die Beschäftigung mit ihr aus diesen Zusammenhängen befreien. Dann macht es zum Beispiel auch keinen Sinn mehr, Musik aus einem geschichtlich-chronologischen Kontext heraus zu betrachten. Es existiert halt keine Dringlichkeit mehr in der Musik, die als Endpunkt einer geschichtlichen Abfolge im Jetzt kumuliert. Genausowenig Sinn macht der Versuch, das Jetzt in der Musik an vermeintlichen Vorgängern und vergangenen „Meisterwerken“ abzugleichen.

Die schwindende Bedeutung einer geschichtlich und chronologischen orientierten Musikrezeption ist sicher auch eine Folge des Internets, denn in ihm ist jederzeit alle Musik aus allen Zeiten unabhängig von ihrer Entstehungszeit, ihrem Entstehungskontext und ihren Einflüssen immerzu gleichzeitig und gleichberechtigt nebeneinander verfügbar.

Damit stellt sich dann leider ein anderes Problem ein: Wenn Musikkontexte frei wählbar und frei konstruierbar sind, warum soll dann noch jemand auf diesen Web-Blog klicken? Jeder kocht schließlich sein eigenes Kontextsüppchen. Wer braucht da noch die Kontexte anderer? Dieses Problem der mangelnden Verbindlichkeit von Kontexten wird ja auch in der Blog-Kultur offenbar, in seiner Tendenz zur Vereinzelung von Meinungen und individuellen Vorlieben. Können Blog-Vernetzungen dieses Problem lösen? Welche Formen der Blog-Vernetzungen gibt es? Liest jemand diesen Blog, der dazu Stellung beziehen kann?

Eigentlich sollte sich zum Ende dieses Textes ein knarrender Sargdeckel öffnen und Haunted George hervortreten. Er muss jetzt aber unvorhergesehenerweise noch ein wenig in Ewigkeit ruhen. Haunted George wird sich aber voraussichtlich im Laufe der Woche melden. Wahrscheinlich über die Ätherwellen eines uralten Ghettoblasters. Watch out! Und tragt die Kunde weiter! Haunted George will endlich raus aus seinem Sarg und ich will raus aus der Vereinzelung meines Blogs!

25.01.2007

Blumfeld: Neue Sortimente

Blumfeld lösen sich auf. Ein Umstand, der selbst mich ein wenig traurig macht, auch wenn ich ihren Weg immer nur aus zweiter Hand verfolgt habe. Mir reichte ein alle ein bis zwei Jahre von Freunden und Blumfeld-Sympathisanten gehauchtes „Die neue Blumfeld ist ganz gut geworden“, oder „Die neue Blumfeld ist total furchtbarer Schlager“ oder „… sind selbst Country-Stücke drauf“ vollkommen aus. Ich hatte dann meine Dosis Blumfeld intus und konnte mich ganz auf die Rezensionen konzentrieren.

Die Rezensionen zu Blumfelds Output scheinen mir nämlich oft interessanter zu sein als Blumfeld selbst. Eine Blumfeld-Kritik setzt den Verfasser anscheinend unter den enormen Druck, irgendwas ausholend Substanzielles schreiben zu müssen. An neuen Blumfeld-CDs muss der Zustand der Welt abzulesen sein, oder mindestens der Zustand von Blumfeld/Jochen Distelmeyer im Verhältnis zur Welt. Zieht sich „Jochen“ ins Private zurück? Ist es zynisch, wenn „Jochen“ singt „Die Welt ist schön“? Sind Zeilen wie „Ich steh im Bad und sehe rot/ die Spatzen pfeifen von den Dächer/ ich glaub der Hahn ist tot“ nicht total banal? Oder stellt „Jochen“ damit das Banale absichtlich aus, prangert die Beliebigkeit an, mit der in der Indie-Welt irgendwie „dringliche“ Lyrics nach dem Setzkastenprinzip aneinander gefügt werden? Oder verhält es sich ganz anders, nämlich im Sinne von (hier beliebigen postmodernen Philosophen einsetzen) … etc.

Wenn dann eine Rezension alles auf einmal zusammendenken will und zusätzlich aus Angst noch zur Absicherung einen dreifachen Knoten um das Textgebilde versucht zu binden, dann kann es passieren, dass man zum Schluss den Sack nicht mehr zu bekommt, weil sich der Knoten in nichts auflöst, wenn man an der Schnur zieht. Gerne erinnere ich mich in diesem Zusammenhang an die genial verkackte Rezension von Peter Abs in der SPEX zur letzten Blumfeld-CD „Verbotene Früchte“: „Es geht auch gegen Selbstbeschattung. So greifen auf den Songs Shanty (...), Lullaby (…) oder Bänkelballade (…), Unschuld und Erfahrung ineinander, gibt es mit Aufbruchs- oder Lebensreisemetaphern einen zugespitzen Schmerz-Glück-Dialog, der sehr zeitgemäß und sehr glitschig gegenüber dem Raster von pro- oder regressiv wirkt“. Ein bedeutungsvoller Satz, der es schafft, sich noch vor der Band aufzulösen.

Sehr schön und sehr klug dagegen die Interpretation von Oliver Tepel in der SPEX zum „Apfelmann“ aus dem letzten Blumfeld-Album. „Der Apfelmann“ zählt im Songtext alte Apfelsorten auf. Diese und ähnliche Lyrikpassagen auf „Verbotene Früchte“ brachten Blumfeld den Vorwurf ein, sie würden sich damit ins Private zurückziehen, aus einer naturalistischen und naiven Perspektive schreiben (Subtext: sie würden sich ihrer Funktion als Diskursspielzeug für den Kulturjournalismus entziehen). Oliver Tepel jedoch sieht den „Apfelmann“ anders: „Er pflegt sorgsam jene Kreationen und Vielfältigkeiten, die er benennen kann. Deshalb muss er um sie wissen. ‚Artenvielfalt’ und ‚Detailwissen’ sind konstruktive Gegenargumente zu dem, was der globale Markt produziert.“ Differenzierung als Strategie gegen die Nutzenoptimierung und weltweite Gleichmacherei der Produkte. Leistet Widerstand! Bildet individuelle Merkmale aus!

Es ist nur konsequent, dass Blumfeld diese Auffächerung noch weiter treiben und schließlich bei sich selber ankommen: Die Indiemusik-Sorte Blumfeld differenziert sich in weitere, für den Markt schwer kalkulierbare Sorten. Sie heißen nur nicht „Winterprinz“, „Gravensteiner“, „Elstar“ oder „Ontario“, sondern „Distelmeyer“, „Rattay“, „Precht“ oder „Albrecht“.


Link: Oliver Tepel über Blumfeld


21.01.2007

Wire: Für immer erwachsen

The Scottish Play: 2004 by Wire


Mit „Chairs Missing“ ist Punk schon 1978 erwachsen geworden. Das hat Wire damals manch einer übel genommen und sie als Künstlertypen beschimpft, die das Medium Rock mit mittelmäßiger Experimentalmusik überstrapazieren würden (warum auch immer Leute meinen, Künstlertypen per se beschimpfen zu müssen, während saufende Fußballprolls wie Paul Gascoigne oder Wayne Rooney verehrt werden). Aber eigentlich treten Wire schon 1977 mit „Pink Flag“, der erste LP, aus dem Schatten gängiger Pogo- und Rotzrhetorik heraus, mit der sich viele Punks ihren Spaß am Komasaufen als irgendwie bedeutungsvolles Anderssein schön rempeln. Bei Wire ist von Anfang an keine unkontrollierte adoleszente Energie am Wirken - obwohl „Pink Flag“ viele klassische Punk-Idiome in sich trägt: kurze Songs, keine Soli, Gitarre-Bass-Schlagzeug-Nichtgesang. Stattdessen gibt es Kontrolle, harte Schnitte, dead stops, Schreie und gleichzeitig abrupte Distanzierungen von ihnen - ein Ausbremsen von Elan und Sich-gehen-lassen. Der Vorwurf an Wire, sie wären eine Intellektuellenband, liegt darin begründet, dass sich diese Band immer schon weigerte, Spaß zu haben. Noch nicht mal am Lärm oder an der Zerstörung.

Heute gelten ihre ersten drei Platten, die sie in den Jahren 1977-79 aufnehmen, zu recht als Klassiker. 1980 trennt sich die Band. Die Mitglieder (enge Freunde waren sie sowieso nie) widmen sich danach Solo-Projekten, die zum Teil das Wire-Erbe durchaus beeindruckend fortführen (Colin Newman) oder sich in mehr oder weniger interessanten Ambient-Projekten verlieren (Bruce Gilbert). Zwischen 1986 und 1991 gibt es halbherzige Reunions, danach ist das Kapitel Wire endgültig abgeschlossen. Umso größer die Überraschung, als 2002 in rascher Folge zwei Eps mit neuen Tracks erscheinen („Read + Burn“ 1+2, später leicht abgewandelt als „Send“ in Albumlänge veröffentlicht), auf denen Wire wieder Bezug nehmen auf ihre schneidenden und intelligenten Punk-Songs der „Pink Flag“-Phase. Eine überwältigend energetische Rückbesinnung auf ihre damals entwickelten Techniken aus Präzision, Schnelligkeit und Ausbremsung. Wire sind jedoch nicht ihr eigenes Revival, sie sind mehr Gegenwart als alle anderen Zeiten. Das waren sie in früheren Gegenwarten auch schon, als sie mit „Pink Flag“ über „Chairs Missing“ bis zu „154“ innerhalb von drei Jahren einer der zwingendsten geraden Wege aus Punk zu New Wave beschrieben (heute aus der historischen Perspektive würde man New Wave durch Post-Punk ersetzen).

Die DVD/CD „The Scottish Play: 2004“ zeigt nun mittels eines Auftritts in Glasgow im April 2004 (der auch auf der CD enthalten ist) und einer in Auszügen dokumentierten Londoner Performance („Flag: Burning“), wie Wire eben jenes aktuelle Material von “Send” auch live umgesetzt haben. Während des „Flag:Burning“-Auftritts agiert die Band hinter vier quadratischen Glacéleinwänden, auf die verschiedene Film- und Fotosequenzen projiziert werden. Auf einer davon ist Colin Newmans Mund zu sehen, dieses Körperorgan, aus dem die meisten Wire-Zeilen kommen. Die Lippenbewegungen verlaufen mehr oder weniger synchron zu den Lyrics des gerade gespielten Songs. Aber natürlich ergeben sich Verschiebungen und Asychronizitäten. Sie verdeutlichen, dass es Wire nicht um eine exakte Reproduktion des Songmaterials geht, sondern darum, dass jede Äußerung, jede Aufzeichnung ein Unikat ist, egal wie strukturiert die Musik auch sein mag. Der Reiz dieser DVD/CD liegt darin, zu verfolgen in welchem Maße Wire die Genauigkeiten gerade nicht gelingen.

Es ist spannend und schön anzusehen, wie das präzise Gefüge der Songs von „Send“ in der Performance nicht nur Ungenauigkeiten und Risse zulässt, sondern wie Wire für den nicht mehr unter Kontrolle zu bekommenen Randbereich, der bestimmt wird durch die ungewisse Gegenwart der Aufführung, dann auch wieder genau den Rahmen definieren, in denen diese Ungenauigkeiten kommuniziert werden. Letztlich geht es Wire darum, Kommunikation zwischen den Individuen herzustellen oder zumindest die Schwierigkeiten aufzuzeigen, überhaupt Kommunikation zustande kommen zu lassen. Die vier käfigartigen Planquadrate, in denen sich die vier Wire-Einheiten Gotobed/ Newman/ Gilbert/ Lewis befinden und von denen aus sie Kontakt zueinander suchen, ziehen sich daher sowohl durch die Performance als auch durch das Design von Album-Package und DVD-Inhaltsangabe.

Wer allerdings Bonusmaterial erwartet, in denen der Blick hinter die Kulissen der Kulissen der Geschichte der Band erlaubt wird, der wird enttäuscht werden. Weder ein Zurück noch ein Nach-Vorne wird geboten. Dafür ein entschiedenes Hier. Wie weit Wire in der Gegenwart sind, erkennt man auch daran, dass die einzigen alten Songs, die sie spielen (drei von „Pink Flag“ als Zugabe) an Überzeugung und Gedonner gegenüber den neuen Tracks von „Send“ abfallen. Kaum zu glauben: Mit dem Material von „Send“ sind Wire in punkto präzisem Punk-Primitivismus besser als sie es mit ihrem eigenen Prototypen „Pink Flag“ je waren (ihre übrigen Großtaten „Chairs Missing“ und „154“ spielen in diesem Kontext hier keine Rolle).

Und an den Bildern dieser alten Herren auf „The Scottish Play: 2004“ wird noch einmal deutlich, was ihre Musik noch nie war: jugendlich. Wire haben stattdessen schon immer jegliche mit Jugend in Verbindung gebrachte Spontaneität und Aggression durch Genauigkeit, Überlegung und Künstlichkeit ersetzt. Nun hat die Band im mittleren Alter zwischen 45 und 50 Lebensjahren auch endlich den adäquaten Körper zu ihrer Kunst bekommen: Colin Newman etwa, wie er zu Beginn des Auftritts die skelettierten Lyrics mit Lehrerbrille und hohem Haaransatz vom Blatt absingt, während der überlaute Sound des Wire’schen Punkdesigns (dessen Lautstärke sowohl auf der DVD als auch auf der CD gut zu erahnen ist) jede Häme darüber verbietet; oder wenn die Kamera das Profil von Drummer Robert Gotobed einfängt und man kaum glauben mag, dass dieser alte, kahle, kantige und bewegungslose Schädel gerade den Hochgeschwindigkeitsrhythmus denkt und sein Körper ihn mit dünnen, muskellosen Armen umsetzt - wie diese Bilder Punk vorspielen und gleichzeitig dessen Verneinung sind, ist große Verdichtungskunst. Wire sind erwachsene Poeten, mit all dem Salz, das dieses Wort im Kontext von Punk inne hat, um die Wunden derjenigen damit einzureiben, die damals so blöde waren, sich tatsächlich ihre Sicherheitsnadeln durch die Wange zu ziehen, anstatt es nur so aussehen zu lassen. Statt „für immer Punk“ sind Wire „für immer erwachsen“. Schon immer gewesen. Eine Provokation sind sie damit geblieben.

16.01.2007

Vetiver: Tragflächen aus Folk und Strom

You May Be Blue re-skip You May Be Blue re-skip You May Be Blue re-skip You May Be Blue re-skip

Sehr weit bin ich noch nicht gekommen mit Vetivers "To Find Me Gone", dem Bandprojekt des Mitstreiters von Devendra Banhart, Andy Cabic. Bis zum zweiten Song "You May Be Blue" nämlich nur. Ein Gleitflug mit Tragflächen aus Folk und Strom. Ein stoisch klopfendes Schlagzeug treibt das kleine Fluggerät auf dunklen Fellen voran. Der entgegenkommende Luftstrom weht Vibraphonklänge an das staunende Ohr, dessen Nervenbahnen an das Innere signalisieren: loslassen, Augenlieder halb öffnen (nicht: halb schließen).

Unten sieht man eine Stadt mit hoffnungslos veralteten Strommasten vorbei ziehen. Plötzlich zieht die Melodie nach oben und unten gleichzeitig. Eine atemberaubende, somnambule Turbulenz. So überraschend und kurz sie aufwirbelt, so souverän fängt sich der Gleiter schnell wieder. Ein sekundenlanges Glücksgefühl in großer Höhe, bevor das Dunkle wieder übernimmt. Ich warte das Ende des Songs gar nicht mehr ab. Re-skip.


http://www.vetiverse.com/blog/

12.01.2007

Alva Noto + Ryuichi Sakamoto: Superfeines High-Tech Schleifpapier



Das Cover der Langspielplatte besteht aus einer dünnen, durchsichtigen Plastikhülle, in der ich mich vage spiegeln kann, wenn ich sie vor einen dunklen Hintergrund halte. Die Oberfläche fühlt sich glatt an, hat aber eine feine, körnige Struktur, die ich vielleicht erst sehen musste, bevor ich sie fühlen konnte. Hält man das Cover so, dass die offene Seite nach rechts zeigt, dann ist am oberen linken Rand ein dünner schwarzer Rahmen zu sehen. Quadratisch, etwa acht mal acht Zentimeter groß. In diesem Rahmen sind schriftliche Informationen enthalten. Die beiden Künstler (kleine Schrift): [alva noto + ryuichi sakamoto], der Albumtitel (größere Schrift): [vrioon], dann die zwei Titel der ersten Seite (kleine Schrift): [a: uoon I, uoon II | b: duoon, noon, trioon I], schließlich folgt die Angabe der Plattenumdrehung (kleine Schrift): [33 rpm]. {während ich schreibe, fange ich an zu schwitzen}. Untereinander steht weiterhin in kleiner Schrift: [piano: ryuichi sakamoto], in der nächsten Zeile: [additionals: carsten nicolai], schließlich: [courtesy kab america inc.] und: [©2002 raster-noton. lc01293]. Etwas weiter unten lese ich: [www.raster-noton.de] und eine Zeile darunter: [www.sitesakamoto.com]. Rechts daneben in der gleichen Zeile steht: [raster-noton.de] - in einem eigenen, kleinen, rechteckigen Rahmen eingefasst, dessen rechter unterer Winkel von einem Kreis umschlossen wird, wie eine runde Uhr, dessen Zifferblatt Neun Uhr anzeigt. Die schriftlichen Informationen enden dort.

In die Plastikhülle ist ein dünnes Blatt eingelegt, das die ganze Innenfläche einnimmt. Ich kenne dessen Zusammensetzung nicht. Es ist eines jener transluzenten Blätter, die nur milchiges Licht hindurchlassen. Ich kann die raue Struktur des Stoffes fast nur ahnen. Wie superfeines High Tech-Schleifpapier. Zwischen diesem Blatt und der Vorderseite der durchsichtigen Plastikhülle liegt das nackte, durchscheinende Vinyl - ungeschützt, in Kratzergefahr.

Versuche ich, die Platte aus der Hülle gleiten zu lassen, wird sie elektrostatisch festgehalten. Ich muss das Vinyl am äußeren Rand mit Daumen und Zeigefinger fixieren und dann aktiv herausziehen. Ich bin in Sorge, ob das zart quietschende Geräusch beim Herausziehen nicht vielleicht der Gradmesser für eine Beschädigung der Vinyloberfläche ist, die ich ihr in dem Moment zufüge. Da die Platte durchsichtig ist (mit einem leichten Schimmer ins gelbliche), kann ich in den irritierenden Lichtbrechungen der Rillenstruktur nicht erkennen, ob die Aktion Schleifspuren auf der Oberfläche hinterlassen hat. Mögliche Beschädigungen sind aus der Musik nicht heraushören. Sie werden aufgefangen von dezenten Knackgeräuschen, die immer wieder aus dem Plateau minimalistischer Klaviertöne aufragen.

Nun wo die Schallplatte auf dem Plattenspieler rotiert, fehlt es der durchsichtigen Coverhülle aus Plastik an Stabilität. Greife ich sie mit beiden Händen und löse dann den Griff einer Hand, dann erschlafft das Cover augenblicklich. Bin ich dabei unvorsichtig, bildet sich ein Knick in dem dünnen, milchigen Einlegeblatt. Ein weißer, typischer Knickbogen. Er bleibt für immer.

Ich habe mir überlegt, mit einer gefütterten Innenhülle die nackte Vinylplatte zu schützen. Das anfällige Cover könnte ich mit einer Pappe stärken, die ich so ausschneiden würde, dass sie genau die Maße des dünnen Einlegeblatts hat, welches ohne diese Maßnahme meine Spuren der Unachtsamkeit und des täglichen Gebrauchs wie eine Prägung, wie einen buchstäblichen Eindruck unwiderruflich in sich aufnehmen würde. Ich würde sowohl das Vinyl als auch das Cover vor weiterer Beschädigung bewahren. Ich habe mich dagegen entschieden.

Wenn sich meine Hand von unten dem milchigen Einlegeblatt nähert und schließlich alle Finger auf der Unterseite aufsetzen, habe ich den Eindruck, ein riesiges Fluginsekt ist angeflogen gekommen und hat sich bei der Landung mit seinen Insektenbeinen an der Oberfläche des Blattes festgesaugt. Dann nehme ich die Hand langsam wieder weg. Das Insekt fliegt davon bis es eins wird mit dem milchigen Hintergrund. Danach schiebe ich das dünne Blatt wieder behutsam in die durchsichtige Plastikhülle, darauf bedacht, es nicht weiter zu beschädigen. Betrachte ich es dann erneut, bemerke ich meist einen neuen Knickbogen, der sich trotz meiner vorsichtigen Aktion eingeprägt hat.

Um herauszufinden, wie dieser Text enden soll, habe ich noch einmal die Schallplatte aufgelegt. Die zweite Seite endet mit satie-esken Klavierklängen, einem ruhigen Summton und einem durchgehend sanften Rauschen - und mit Knacken im Vinyl.

11.01.2007

Guther: Im Rausgehen verflüchtigt

I Know You Know by Guther (Morr Music, 2003)

Ein freundlicher Gruß aus der kleinen Enklave Berlin-Mitte. Julia Guther und Berend Intelmann haben 2003 in einer Wohnung dieses beschaulichen Stadtteils zehn kleine und schlichte elektroakustische Pop-Songs produziert, die die Namensgeberin des Projektes als „Mädchenmusik“ bezeichnet. Das trifft es ganz gut, vorausgesetzt man assoziiert damit Verträumtheit, Melancholie und eine gewisse Gedankenverlorenheit - z.B. auf dem Boden liegen, die Decke anstarren und über die Boys sinnieren („Boys Do Not Think“).

Die Musik ist betont schlicht gehalten und an die ruhigeren Momente gängiger Indietronic-Vertreter angelehnt, wie Stereolab, Contriva, oder auch Paula, das andere Bandprojekt von Intelmann. Und nicht nur das akzentreiche Englisch von Julia Guther erinnert an The Notwist, in der Musik finden sich ebenfalls Parallelen, wenn auch bei Guther alles leichter, simpler und weniger ausgefeilt ist. Doch diese Übungen in selbst auferlegter Bescheidenheit bekommen der Platte nicht immer. Sie will zu selten raus aus den Räumen, in denen sie entstanden ist, raus aus der Wohnung in der Rosenthaler Straße. „Hello reality/ there’s nothing we could do“ singt Julia Guther im schönen Refrain von “What She Felt”, dem Höhepunkt von “I Know You Know”. Ich fürchte sie hat recht. Wenn ich den Computerplatz verlasse und aus meiner Wohnung in die Wirklichkeit trete, wird sich die Musik von Guther verflüchtigen. Aber den Refrain von „What She Felt“ nehme ich mit auf die Straße.

10.01.2007

Woven Hand: Zu Zeiten vor unserer Zeitrechnung


Mosaic by Woven Hand

Unser Lieblingssünder, der Hüter des schlechten Gewissens, dessen Vorfahren sich einst aus den mückenflirrenden Gewässern Skandinaviens in die niederwerfende Wüstenhitze des Gelobten Landes schleppten, hat wieder mal eine alttestamentarische, erbarmungslose Platte des inneren Schmerzes und des heiligen Schwertes gemacht. Abgeschwollen will ich in Stein schlagen: David Eugene Edwards (DEE) hat als Wovenhand eine neue Platte draußen. Und sie ist so gut wie die beiden davor, vielleicht noch archaischer, noch weiter entfernt, angesiedelt in jene Epoche, in der es noch nicht mal die Bibel gab. Ackerbau war lebensgefährlich, und ein bisschen zuviel Sonne des HErrn konnte eine Ernte vernichten und somit schwer schuftende Menschen schneller verhungern lassen, als du Nebukadnezah in die vertrocknete Erde schreiben kannst. Damals fing man aus Todesangst zu beten an. Und wenn man überlebt hatte, während die Liebsten leblos verscharrt werden mussten, dann verschmolzen Leben und Tod zu fiebriger, schmerzvoller Einheit. Und natürlich muss das „Mosaic“ von Wovenhand auf dem Cover die Vergänglichkeit vor dem HErrn darstellen. Die Puzzleteile der Existenz ergeben in der Summe, wenn alles gut gegangen ist, den Staub, zu dem du zerfällst. Der Tod als Lebensziel. Zumindest wenn du es in deinem mickrigen Leben dem HÖchsten nicht an Respekt hast fehlen lassen. Solch dunkel zehrende Platten, die die Furcht vor dem Schöpfer lehren, erscheinen dann auf „New Jerusalem“. Schwere Götterscheiße vergessener Zeiten, als man mit Puppen aus Hirschleder spielte, sich Elchzähne um den Hals hängte und schwer atmenden Bullenviechern im Zwielicht begegnete. Ein archaischer Klops von Meisterwerk.

http://www.wovenhand.net/

09.01.2007

Beefheart, Fast'n'Bulbous und weltweite Rentenrevolution

Eine alte Forderung von mir besagt, dass jeder Künstler/Komponist für gelungene Leistungen auf seinem Gebiet eine lebenslange Rente beziehen solle, die ihm ab dem 55. Lebensjahr monatlich ausgezahlt werden würde. Rufus Wainwright z.B. müsste für den Song "Poses" nach meinen internen Berechnungen 244 US-Dollar monatlich bis an sein Lebensende einstreichen (zusätzlich zu seinen Tantiemen natürlich). Ein talentierter Künstler kann auf diese Weise ein hübsches Sümmchen zusammenbekommen - unabhängig, wie kommerziell erfolgreich er war. Der Durchschnittsbetrag, der sich aus allen honorierten Songs errechnen würde, läge bei ca. 2,21 Euro pro Monat. Die überwiegende Anzahl der Künstler geht natürlich aufgrund mangelnen Talents leer aus, aber das ist ja sonnenklar.

Don Van Vliet a.k.a. Captain Beefheart würde alleine für seinen zweiminütigen Instrumentaltrack "Evening Bell" 241 US-Dollar monatlich bis an sein Lebensende überwiesen bekommen. Ein aussergewöhnlicher Spitzenwert (zum Vergleich: der beste Song aller Zeiten - "I Am The Walrus" - bringt Paul McCartney nur 182 US-Dollar. Warum? Weil er sich die Komposition mit John Lennon teilt. Yoko Ono bekommt die Rente für Lennon-Kompositionen übrigens nicht. Nicht etwa weil sie Yoko Ono ist (für viele Zeitgenossen wäre das schon Grund genug, sie auszuschließen - für mich nicht), sondern weil die Rente mit dem Tod des Komponisten erlischt und nicht übertragbar ist - weder auf die Hinterbliebenen noch auf die Co-Autoren. Gary Lucas, der "Evening Bell", diese einzigartig schöne und mit großem Sinn für Rhythmik und Fluss ausgestattete Beefheart-Komposition realisiert hat, bekäme immerhin noch 34 US-Dollar monatlich dafür. Wobei ich jetzt beim eigentlichen Thema angelangt bin:

Das von Gary Lucas und Philip Johnston initiierte Beefheart-Coverversionen-Projekt Fast'N'Bulbous und deren CD "Pork Chop Blue Around The Rind" ist leider eine Enttäuschung: Die Band macht einen Kardinalfehler, sie glaubt nämlich, dass Beefhearts Musik mit gekonnten Profi-Bläsern gewinnt. Das ist schon Beefhearts eigenem "Shiny Beast"-Album teilweise nicht bekommen, wenn die Bläser so zappaesk rummuckten. Hier werden dem Ganzen noch mehr Bläser zugemutet, die Beefhearts Gesangsparts - die oft so großartig in die Songs einfahren, als würden sie ihn nichts angehen - ersetzen und ihnen leider gleichzeitig den freien Charakter nehmen. Keine gute Idee. Ich meine, was ist denn ein Profibläser, der auf Zuruf Ornette Coleman-Figuren perfekt nachbläst, gegen Beefhearts freie, an Coleman angelehnte Tonfindung auf Musette, Saxophon und Klarinette? Nichts - oder zumindest zu wenig, um den Van Vlietschen kontrollierten Irrsinn einzufangen.

Ein anderes Missverständnis betrifft die Haltung, mit der diese schon älteren Musiker denken, auch äußerlich Beefheart repräsentieren zu müssen. Dieses betulich Schräge, so Grimassen schneiden vor der Kamera, die Instrumente aussergewöhnlich halten, wirre Haare, wie ein toller, unangepasster Haufen in die Kamera blicken, das hat nichts von der unheimlichen Kraft und dem Humor der besten Bandfotos der Magic Band, wie sie zum Beispiel im Garten auf und unter einem knorrigen, zugewachsenen Holzsteg entstanden sind, "ein Anblick hässlich und gemein". Auch die Covervorderseite mit ihrem kinderbildhaften Gekrakel und Gemale hat nichts mit den Skizzen und Malereien Beefhearts zu tun, die doch einen ganz anderen, energischen Strich haben, halt eine gedankliche Schnelligkeit in sich tragen, die mit diesem versonnenen Kinder-malen-im-Wartezimmer-um-sich-die-Zeit-zu-vertreiben nichts gemein hat.

Einzig die "Ant Man Bee"-Zeichnung fängt den Geist (The Most Holy-O Ghost, got me?) von Van Vliets Zeichnungen und Malereien ein, gibt eine Ahnung seiner inneren Basis - Primitivität, Natur, Tier-/Menschheit, Obszönität und dem freien Verschmelzen dieser Begriffe ineinander.

Was mich aber am meisten an der Interpretation Beefheartscher Kunst durch ehemalige Magic-Band-Mitglieder beunruhigt, ist, dass selbst diejenigen, die unmittelbar mit dem Captain zusammengearbeitet haben, ihn anscheinend aus ganz anderen Gründen schätzen als ich: Sie betonen den Kontext eines flippigen Freaks. Dieses mulmige Gefühl hatte ich schon vor drei Jahren, als ich die CD und die Live-Fotos von der reformierten Magic Band sah, wie sie sich (ohne Beefheart) um Drummer John French gruppiert hatte. Dieselben armseligen Versuche, irgendwie weird auszusehen - und damit die Essenz der Beefheartschen Musik zu verfehlen und ins Obskuritätenkabinett zu verfrachten. Es ist traurig. Kann ich mir anmaßen, zu behaupten, die ehemaligen Bandmitstreiter Beefhearts würden ihn aus den falschen Gründen schätzen? Ich bin verunsichert.


http://www.phillipjohnston.com/fnbband.htm

Residents: Lost in Konzeptgeössel

Tweedles! by Residents

Letztens saß ich bräsig im Ersatz-Ohrensessel vor dem Ersatz-Kamin und legte einer Eingebung folgend „Duck Stab/Buster & Glen“ der Residents auf den Plattenteller. Erst da wurde mir bewusst, dass „Ralph Records“ ein phonetisches Anagramm von „Rough Records“ ist, was den einzigartigen, ungeglätteten Charme ihres im Bereich der Aufzeichnung und multimedialen Verschränkung forschenden Frühwerkes bis Ende der Siebziger Jahre gut zusammenfasst. Ebenfalls bewusst wurde mir, dass „Constantinople“ 1978 der beste Song seit, sag ich mal, dem Beatles-Split war. Das Residents-Konzept der Realitätsverfremdung und ihrer Neuzusammensetzung wurde jedoch fade, als sie begannen, sich banale Geschichten über „Mole People“ auszudenken und überhaupt krude Gesamtkonzepte im mittlerweile recht vorhersehbaren Komische-Geräusche-Sound zu präsentieren. Ab und an gelangen ihnen noch gute Momente, nämlich dann, wenn sie sich wieder realen Mythen der westlichen Kultur zuwandten, wie mit ihrer „American Composer“-Serie.

Auf „Tweedles!“ zieht es den nach wie vor aktiven, anonymen San Franciscoer Masken-Club nach Osteuropa. Die Residents-typische Märchenonkelstimme erzählt Residents-Impressionen aus dem rumänischen Arbeitsurlaub im Studio eines Residentsfans, der die Truppe zu sich eingeladen hat. Aber selbst das Bukarester Filmorchester, das bei einigen Tracks aushilft, rettet die Tracks nicht vor ihrer Belanglosigkeit: Die Residents klingen auf „Tweedles!“ wie in einem langweiligen, überambitionierten Hörspiel. Natürlich gibt es auch ein Konzept, das sich um eine Geschichte über sexuelle Zwänge kreisen soll. Einzelheiten sind einer „Deluxe-Digipack-Version in Buchform“ (Promo-Text) zu entnehmen, die mir aber nicht vorlag und die mich wohl auch kaum über den ereignisarmen Muzak der heutigen Residents-Musik zwischen vorhersehbaren Synthiesounds, Kinderliedmelodien und harmlosen Schrägheiten hätte hinwegtrösten können.

Platz 1 2006 - so nun wirklich nicht erwartet

Wahnsinn! Auf Platz 1 ist Roddy Frame gelandet! Ich bin völlig überrascht worden von der Tatsache, dass ich nur dann wirklich zufrieden war mit der Besten-Liste, wenn Roddy Frame auf Platz 1 stand. Also mit einer Platte, die nichts will ausser gute Songs. 2006 Roddy Frame auf Platz 1! Unglaublich!

Nur ein schwaches Lied auf "Western Skies" ("Day of Reckoning"), der Rest ist unspektakulär sowas von over the top, dass es mir keine andere Chance ließ, obwohl ich es bei Gott versucht habe. Setzte ich es auf Platz 2, schlief ich unruhig. Setzte ich es auf Platz 3, grantelte ich arme, unschuldige Mitmenschen an. Nur wenn Roddy Frame auf Platz 1 stand, konnte ich auf die Frage nach meinem Befinden sagen: "Danke, mir geht es gut".

Feldforschung, Teil 3654.

Diesmal: Wer sind denn nun die Electric Prunes wirklich im Verhältnis zu den Flaming Lips? Die frühen Primal Scream oder die späten Plasticland? Der mittlere Jan Jelinek (von La Nouvelle Pouvrete bis Kosmischer Pitch) oder doch eher der mittlere Manitoba (Up In Flames)? Im Zuge meiner Erforschungen bin ich auf eine Live-Platte der Electric Prunes gestossen (Live in Stockholm '67), die die Band als gitarrenpedalige Blues-Fuzzkrach-Rocksoli-Band zeigt. Ich wittere dort schon ein paar Hard-Rock-Moleküle, habe im Moment aber auch einen extrem sensiblen Riecher. Eine der seltenen Beispiele, die zeigt, wie eine Band ständige Gitarrensoli spielen und trotzdem tight und together klingen kann. Durchaus lohnend. Sind auch alle Hits drauf (sind ja nur zwei, die aber dafür auch gigantisch gut sind). Was die Prunes übrigens wirklich gut konnten auf ihrer Debut-Platte (I had too much to dream last night), das waren Songanfänge (eine echte Kunstform der Popmusik). Haben viele gute Momente gehabt, die Jungs, auch wenn's manchmal etwas bergab ging.

Das Alphabet will es so, dass nach dem anhaltenden Geklatsche des Stockholmer Publikums am Ende des Electric Prunes-Gigs eine weitere Band mit „E“ kommt. Die Espers, deren zweite Platte II ca. 40 Jahre nachdem die Prunes in Schweden waren, meine Platte des Jahres 2006 ist, falls nichts mehr dazwischen kommt. Ich habe sie in diesem Jahr wohl hundert Mal gehört (und ca. 99 Mal die aktuelle Roddie Frame, tja). Und sie passt nicht etwa deswegen, weil sie wie die Prunes fälschlicherweise als Hippiekram abgetan wird, sondern weil beide elektrisch statt akustisch klingen (was bei der ersten Espers so noch nicht der Fall war, wiewohl die schon dort toll sind). Für mich ist Espers II große Kunst des sanften Horrors. Lasst euch bitte nichts erzählen von wegen Weird Folk Movement oder so (spiegel online kocht die ganze Folk-Mischpoke gerade wieder zu einem (verschlafenen) Trend ein). Die Espers sind eine eigene, moderne American-Tender-Gothic-Folk-Klasse für sich. Also Espers auf 1, Roddie Frame auf 2. An dritter Stelle kommen dann die Seeds – haha, nein, nein, an dritter Stelle kommt Burial. Ein treuer Begleiter in den fünf Wochen, die ich dieses Jahr in und um München verbrachte. Am Ammersee liegen, 90 Minuten S-Bahn zum Flughafen oder im Hotelzimmer ohne TV-Ton die WM anschauen – egal, Burial-Industrial-Sherwood-Like-Dub ging immer. Platz 3.

Platz 1 des besten (Teenager-Psychedelic-Punk-)Rock-Live-Albums aller Zeiten geht allerdings wirklich an die Seeds - mit „Raw & Alive“. Da reichen die Electric Prunes in Stockholm nicht heran. Wild, raunchy, sexy. Auch wenn das Teenagergekreische reingemischt wurde, soweit ich mich erinnere. Es klingt wie kollektiv ausflippendes Stadion, ist aber auf einer Clubtour aufgenommen. Macht aber nichts. Mitreissend, großartig, schnell, abwechslungsreich, sägend. Die Seeds sind hier einmalig gut. Immer noch und immer wieder. Zum schwindelig werden gut. Hört den Scheiß an! Jede Sekunde ist lohnend. Gott, was war das für eine Band in den ersten Jahren! Was hatten die für Songs, wie konnte Sky Saxon singen! Dagegen wurde definitiv Punk nicht erfunden. Und ich habe sie zu jedem Zeitpunkt verteidigt, egal, ob die Sechziger Jahre gerade weit, weit weg waren, oder ganz nah.

Hört mehr John Fahey. Und lest seine Erzählungen. Mein Banjo-Performance-Konzept steht schon. Ich muss jetzt nur noch Banjo spielen lernen. Hört auch bitte das Fahey-Tribut „I Am The Resurrection“.

08.01.2007

Platten zu Zeiten

Was mich musikalisch so trieb in letzter Zeit (excl. der neuen Johnny Cash, die auch toll ist)

Diesmal strictly inna nähkästchen style

Joanna Newsom: Ys
Bis vor einem Jahr war mir diese junge Dame namens Joanna Newsom unbekannt, bis mir Sufjan Stevens im Interview von ihr erzählte und ich ihn bat, mir ihren Namen aufzuschreiben, da ich ihn akustisch nicht identifizieren konnte (der Zettel mit dem Namen in Sufjans kleiner Krickelschrift kann gegen 75 Euro in bar bei mir abgeholt werden. Ne, Quatsch, hab den Zettel weggeworfen). Ich krieg ja immer die Checker-Muffe, wenn alle „Meisterwerk!“ schreien, ja selbst die beteiligten Musiker, Arrangeure und Produzenten „Meisterwerk!“ schreien, und überhaupt alle guten und bösen Menschen unisono Meisterwerk! Meisterwerk! Meisterwerk! schreien. und ICH kenne es noch nicht. Dann kommt meine Möchtegernpunksozialisation hoch und ich fantasiere mir fieberhaft herbei, wie ich alles niederschmetternd „Kein Meisterwerk! Kein Meisterwerk! Kein Meisterwerk! Es ist der Feind in hübschem Gewand!“ schreie . Aber ich komme nicht umhin, stellvertretend für alle anderen Claqueure neben mir auch Meisterwerk! zu schreien. Besser noch glaszerspringend zu kreischen und mir die Klamotten vom Leib zu reissen - vorzugsweise auf der Piazza San Martino in Lucca. Also: Meisterwerk!!! *ruhiger* Meisterwerk! *ruhig* Meisterwerk. (Bewertung: 12 von 12 Goldrandkäfer aus Puffseide (Bezeichnung ist Google unbekannt)).

Califone: Roots And Crowns (und alles andere auch)
Mein vorrangiger Grund, überhaupt im Forum zu verweilen, ist derjenige, Tipps für interessante Musik abzugreifen. Das private Geposte der „Community“ finde ich eher randständig interessant. Daher bitte ich öfters mal Bulboes, mir ein paar Perlen aus seiner reichhaltigen musikalischen Muschelbank zu zeigen. Vorzugsweise bitte ich ihn das, wenn ich gerade mal wieder was bei Glitterhouse oder Greatest Hits, Nürnberg, bestellen will. Es sind tatsächlich fast nur Treffer darunter. Unter Anderem auch die ganz aussergewöhnlichen Califone. Es gibt tatsächlich absolut nichts Schlechtes von Califone (und ich kenne mittlerweile bestimmt 80-90% ihres Katalogs - sogar eine komische CD-Single aus einer komischen „single club“-serie ist dabei [5 euro bei Glitterhouse]). Die Neue ist Top Five dieses Jahres, soweit mir dieses Jahr überhaupt bekannt ist. Wenn die Books die Beatles sind, dann sind Califone die Beau Brummels. Ich warte noch auf eine Band, die dann die Electric Prunes ist. Zumindest so wie die Electric Prunes auf ihrer ersten Platte die Electric Prunes sind. Denn so, wie die Electric Prunes auf ihren späteren Platten die Electric Prunes sind, so sind die Flaming Lips auf ihren späteren Platten schon die Electric Prunes. Dieser Vergleich ist also schon vergeben. Wobei: Klingen die Flaming Lips in ihrer Spätphase nicht eher wie die Electric Prunes auf ihrer ersten Platte, und die frühen Flaming Lips wie die späteren Electric Prunes? Ich muss da noch mal drüber nachdenken. Die Erwähnung der Beau Brummels bietet mir die seltene Gelegenheit, ihr großes Songkleinod „Turn Around“ zu erwähnen, mit dem den Sommer einzuleiten ich mir seit einigen Jahren angewöhnt habe. Nun habe ich mir auch angewöhnt, damit den Sommer auszuleiten. Passt auch viel besser: Turn arouuuund, the summer’s almost oveeeeer, turn arouuuuund, summer’s almost gooooone. (Bewertung: Califone: 99 von 99 Holzscheite aus dem Kamin aus dem Hotel, in dem Harry Smith das Glas Milch hochhielt, dass ihm Allan Ginsberg reichte; Beau Brummels: 24 von 24 Heuresten aus dem Schober von Badley’s Barn, die nach dem Petting in den Klamotten verblieben).

Captain Beefheart And The Magic Band
She can burn (hack) you up (hack) in bed just like (hack hack) she said (hack hack hack) 'cause she's (hack) a hot head, hot (hack) head (hack hack), hot head. Ich bin bestimmt der letzte, der sich von allen Spex-Forums-Usern die Reissues von Captain Beefhearts besten Platten besorgt hat, die bei Virgin herauskamen. Ich habe mir tatsächlich immer gewünscht, dass seine essenziellen Spätplatten „Shiny Beast“, „Doc At The Radar Station“ und „Ice Cream For Crow“ mal standesgemäß remastered werden, sind die bisherigen CD-Ausgaben doch in der Steinzeit der digitalen Überspielung entstanden, die dünn und bassarm klangen. Ist nun also bereinigt. Ich wollte eigentlich die Spex-Redaktion überreden, mich die Reissues besprechen zu lassen, dann hätte ich sie umsonst bekommen, aber das hat leider nicht geklappt. Ich hätte erläutert, wie sich Beefheart seine Songs und Rhythmen von der Natur und den Geräuschen der Technologie schreiben lässt, mit der der Mensch versucht, sie zu kontrollieren. Dem Rhythmus von „Bat Chain Puller“ liegt das Geräusch des Scheibenwischers von Beefhearts altem Volvo zugrunde, das er auf Tape aufnahm, als er an einer Bahnschranke wartete während der Zug an ihm vorbeirrauschte. Ein anderes Mal soll Beefheart der Legende nach einem seiner Musiker die Grundlage eines neuen Songs erklärt haben, indem er einen Stock gegen eine Wand warf. Das zufällige Klacken beim Aufprall auf Wand und Boden bildete dann den Rhythmus. Das muss man aber alles gar nicht wissen, um sich auch heute noch von der Ideenflut und der Genauigkeit überwältigen zu lassen, mit der Beefheart und seine Magic Band gängige Songwriterkunst verhackstückt und in jedem Augenblick auf den Ausbruch vorbereitet. 25th-Century-Quaker-Rock. (Bewertung: Doc ATRS: 78 von 71 Aschenbecherherzen. Shiny Beast (Bat Chain Puller): 55 von 51 Mensch-Maschine-Hybriden (Abzüge für einige Passagen von Bruce Fowlers zappaesker Posaune).

Reggae-Ausgrabungen
Dann noch eine Ausgrabung von Keith Hudson, deren Titel mir nicht einfallen will, die aber irgendwas mit “Dragon” heißt. Alle Reggae-Platten der Siebziger, die „Dragon“ im Titel tragen, müssen gekauft werden. Alle Keith Hudson-Platten aus der Zeit auch. Oder war’s Linval Thompson? Ich verwechsle die beiden immer. Ist aber noch nicht da, die CD. Von Linval Thompson habe ich letztens auch eine Ausgrabung ersteigert. Ich weiss deswegen so genau, dass sie von Linval Thompson stammt und nicht von Keith Hudson, weil der Name auf dem Cover steht. Da steht ausserdem: „AND FRIENDS“ und „WHIP THEM KING TUBBY!“. 9 Tracks, 9 Versions, wie sich das gehört. Wer hat hier letztens noch über Horace Andy abgelästert, nur weil er mal ein mieses Konzert abgeliefert hat? Der ist hier jedenfalls auch drauf, neben Jacob Miller, Johnny Clarke und Linval persönlich. Die Dubs sind ebenfalls klasse, unter anderem auch über den besten Riddim aller Zeiten, Augustus Pablos Rockers Dub-Riddim, der schon „King Tubby Meets Rockers Uptown“ zugrunde liegt. Die CD kommt im neuen CD-Plastikhüllendesign mit abgerundeten Ecken. Meine Frau musste mir erst zeigen, wie die CD überhaupt zu öffnen ist (soviel sei verraten: mit einer Hand nur unter größten Schwierigkeiten). (Bewertung: 71 von 74 Peitschenhieben mit einem Zopf aus Tonbändern from King Tubby’s).