30.09.2007

Yabby You: Vivian Jacksons Roots/Dubs/Instrumentals/Versions

Yabby You - Jesus Dread
1972-1977


Es ist erschreckend, mit welch schiefen Bildern doch der durchschnittliche Mitteleuropäer (also so Typen wie ich) an Reggae herangeführt werden, und wie groß der Erkenntnisschock dann ausfällt, wenn man irgendwann Roots-Reggae von der unhaltbaren Wucht Yabby Yous zu hören bekommt. Denn gegen die geballte Power dieser Tracks wirkt Bob Marley, selbst zu Small Axe-Zeiten, wie Engelbert Humperdinck.

Der Superschrein des Roots-verankerten Reggae - irgendwo in dieser Do-CD-Box mit 47 Songs von Produzent/Sänger/Texter Vivian Jackson a.k.a. Yabby You liegt er verborgen, bzw. genau aus dieser gewaltigen Ansammlung an Roots/Dub/Instumentals hat er sich materialisiert. Willst du ihn finden und denkst, du hast ihn verpasst, weil du ein Deatil gerade akustisch nicht ganz mitbekommen hast, dann vergiss das Zurückskippen. Denn in den folgenden diversen Versionen wirst du genug Gelegenheit bekommen, dich in alle Einzelheiten dieser unbezwingbaren Riddims reinzufummeln. So wie die Maler des Fuji jeden Tag immer wieder aufs Neue in den Berg schauen und jedes Mal immer wieder ein anderes Bild aus ihm herausmalen. Und ihnen wird nie langweilig dabei.

Apropos Berg. Darf ich assoziieren? Berg. Bergpredigt. Jesus. Moses. Altes Testament. Ok, schon wären wir am Ziel. Denn anders als der gewöhnliche Rasta von nebenan, ist Yabby You nicht der Ansicht, Haile Selassie wäre der kommende Messiahs, da hält er es mehr mit dem Klassiker Jesus Christus als Mittler zum HÖchsten. Und so sind seine Lyrics auch drängende Chants zu Ehren des Neuen und Alten Testaments und zum Bezwingen der alten Hure Babylon. Was, etwas vereinfacht ausgedrückt, auf dasselbe hinaus läuft wie bei den I-Jah-Männern: Babylon Kingdom wird down-ge-chanted, Plagen kommen über diejenigen, die vom rechten Weg abkommen, und überhaupt: „Run Away/ Go Away/ From Sodom and Gomorrha“! Dabei hat Yabby You oftmals ganz weltliche Probleme jamaikanischen Lebens im Sinn, wenn er bespielsweise über „All that you can see now, the big fishes feeding on the small ones“ chatted. Begleitend dazu zerfallen Steinmauern durch King Tubbys Mixkünste augenblicklich zu Staub, Tommy McCook bläst Seele in tote Materie, und DJs wie Dillinger, Trinity oder Tapper Zukie beamen den ein oder anderen Track, vereint mit Dub und Original, in die Zukunft (immer noch!). Man höre das unbegreifliche „Freshly“ von Dillinger an!

Das fast Markus-Evangelium-dicke (na ja, äh, fast) Booklet, auf extraverstärktem Glanzpapier gedruckt, vergilbt sicher nicht vor Ankunft des neuen Messiahs (hält also ewig) - und kostete dem verdienstvollen Blood And Fire-Label fast die Existenz, denn anscheinend hatte man sich bei der Verpackung und Aufmachung der Do-CD finanziell ein wenig übernommen. Aber es hat sich gelohnt! Ein Kompendium aller Facetten von jamaikanischem Reggae aus der Blütezeit 1972-1977: Unwiderstehliche Riddims, drängender Roots-Reggae, gigantische Dubs und futuristische Versionen. Ein wahrhaftig beseelter Klumpen Lehm (das Wort Monolith habe ich aus meinem Wortschatz verbannt).

05.09.2007

Porter Wagoner: Out of the silence (kommt der Wahnsinn)


Porter Wagoner - The Rubber Room

The Haunting, Poetic Songs of Porter Wagoner
1966-1977




Ich habe keine Ahnung, wie man diese Art des Nashville Psycho-Countrys nennt. Ich kenne mal gerade erst seit ein paar Jahren den Unterschied zwischen Bakersfield- und Nashville-Sound, wobei der Bakersfield-Sound eher den Country-Sound eines klassischen Band-Line-Ups repräsentiert (also für in die Jahre gekommene Indie-Weicheier wie mich bestens geeignet). Nashville-Sound ist der Streicher- und Pedals-Steel-Kitsch klischeereicher Countryschleimer. Porter Wagoner ist Nashville, er muss also auch schleimen, ganz sicher, aber auf dieser Zusammenstellung unglaublicher Songs, die Wagoner zwischen 1966 und 1977 aufnahm, ist der Schleim durch fast schon sengende Leidenschaft ersetzt, genial an der Kante zum over-acting, als wäre er der Vincent Price inna Nudie Suit der Grand Ol’ Opry (und ich glaube, genau DAS ist er auch), mit Mordbereitschaft (nachdem er die „kalten, harten Fakten des Lebens“ angesichtig wurde), der nicht seltenen Begegnung mit dem Bösen schlechthin, einer bizarren Hommage an das Knochengerüst („Bones“), Ansichten aus der Gummizelle („Rubber Room“) usw. usf.

Und das Beste: Ich kenne Porter Wagoners „Rubber Room“ erst seit heute mittag!

Eines der Alben, aus denen diese unfassbaren, verletzten, kleinen Nashville-Epen gesogen wurden, heisst schlicht „Experience“, auf anderen schaut er tief in die Flasche mit dem Teufelszeug drin, dann wieder überrascht er seine Frau mit einem anderen, und glaubt mir, er hat nicht die Faust in der Tasche, dafür aber immer ein praktisches Messer dabei. Dann wieder umringt ihn der Schmerz, und der Schweiss rinnt ihm aus dem ganzen Gesicht, wie Tränen, so zahlreich, dass die Augen nicht ausreichen, um sie heraus zu lassen; zwischendurch macht er auch mal mit Dolly Parton rum.
Das Ganze dann im astreinen, gerade eben mal nicht zu vollgepumpten Sound, dafür aber mit irren Halleffekten an unpassenden Stellen, ein wenig Esquivel-Background-Gesang (er war übrigens auch der erste Country-Sänger, der sich von einer reinen Frauen-Band begleiten ließ), Wah-Wah, und wasweissichnochalles beschwert, beflügelt, beknallt, beworfen, besoult. Ich habe sowas noch nie gehört, aber wie schon gesagt, ich kenne mich da auch nicht wirklich mit aus. Macht nichts, diese Compilation kommt vom Rande irgendeines Sinnzusammenhangs irgendeines Universums neben der Tasse. Soviel Leidenschaft, Morbidität, brennendes Pathos, es trifft mich wie das erste Mal James Brown hören (den Freund Porter Wagoner mal mitnahm in die Grand Ol’ Opry - „the bastion of southern conservatism“ (Liner Notes)). Mit James Browns Vortragsweise hat das ganze allerdings nichts zu tun. Man sollte vielmehr Country-Walzer-Grooves mögen.

28.08.2007

Cpt. Beefheart + The Magic Band: Kaktusfrüchte auf der Radarstation


Captain Beefheart and The Magic Band: Doc At The Radar Station
1980


She can burn (hack) you up (hack) in bed just like (hack hack) she said (hack hack hack) 'cause she's (hack) a hot head, hot (hack) head (hack hack), hot head. Vor 2 Jahren frisch wiederveröffentlicht, lasse ich keine Grund gelten, sich um die Anschaffung der essenziellen Beefheart-Spätplatten „Shiny Beast (Bat Chain Puller)“, „Doc At The Radar Station“ und „Ice Cream For Crow“ herumzudrücken. Sie sind allesamt eine Zierde für Plattensammlungen, auch derjenigen, die um George Michael, Pet Shop Boys, Prefab Sprout und Blumfeld herum gebaut sind. Gerade solche Sammlungen gehören mal ein wenig durchgerührt.

Endlich wieder einmal liess sich der Captain in dieser späten und letzten Periode seines musikalischen Schaffens seine Songs und Rhythmen von der Natur und den Geräuschen derjenigen Technologien schreiben, mit der der Mensch versucht, sie zu beherrschen. Dem Groove von „Bat Chain Puller“ liegt das Geräusch des Scheibenwischers von Beefhearts altem Volvo zugrunde, das er auf Tape aufnahm, als er an einer Bahnschranke wartete, während der Zug an ihm vorbeirauschte. Ein anderes Mal soll Beefheart der Legende nach einem seiner Musiker den Rhythmus eines neuen Songs erklärt haben, indem er einen Stock gegen die Wand warf. Das zufällige Klacken beim Aufprall auf Wand und Boden bildete dann die Grundlage des Beats. Dann wieder wies er seine Band an, einen bereits vollständig arrangierten und eingeprobten Song ("Best Batch Yet") in völlig unpraktikabler Weise umzuarrangieren. Nachdem sich die Magic Band verzweifelt und vergeblich daran abarbeitete, durften sie den Song schliesslich endlich wieder so spielen, wie sie es gewohnt waren - mit absolut energischem Ergebnis. Das muss man aber alles gar nicht wissen, um sich auch heute noch von der Ideenflut und der Genauigkeit überwältigen zu lassen, mit der Beefheart gängige Songwriterkunst verhackstückt und in jedem Augenblick auf den Ausbruch vorbereitet. Ich wähle die Beste dieses Dreigestirns in die Hall-Of-Fame der Platten des Lebens, nämlich "Doc At The Radar Station", die klirrendste, wütenste und krachigste der drei. Der Captain wollte eine Produktion „zweidimensional wie ein Gemälde“, und klopfte daher jedem energisch auf die Finger, der hinter seinem Rücken die Delay-Reglern aufdrehen wollte. Alles Hallige empfand Beefheart als „heavy syrup“. Daher der durstig machende Sound, der auch, den Remastern sei Dank, auf dem Reissue erhalten geblieben ist.

Die Magic Band hatte sich auf Doc At The Radar Station vollständig vom zappaesken Einfluss befreit, der noch ein wenig über dem Vorgängeralbum "Shiny Beast (Bat Chain Puller)" hing. Nie klangen die E-Gitarren kantiger und flächiger als auf "Doc ...", Schlagzeug und Bass trockener: Das ultra-kontrollierte Chaos rockte die Mohave Wüste wie fallendes Geröll. Darüber sang, krächzte, howlinwolfte, jaulte und quäkte der Kapitän seine Verse wie ein aggressiv grantelnder, grauhaariger Kojote. Die Lyrics behandeln wieder einmal die Beefheartsche Sicht von Flora, Fauna, dem Menschentier, seinen Hybriden und dem wenig schmeichelhaften Umgang der ganzen Chose untereinander. Ab und an begleiten eisige Mellotronstreicher des Captains dichterische Stolpersteine. Krude Vergleiche ragen wie Kaktusblüten aus der mit abseitigem Vokabular gespickten Poetik: „You used me like an ashtray heart/ Case of the punks/ Right from the start/ I feel like a glass shrimp in a pink panty/ With a saccharine chaperon“; oder “Lilies leaped like flat green hearts with white hearts/ Squirting yellow pollen...cocks.../ Ferns ran like cool spades...fossils...away from rocks”. Es prasseln Reime auf Reimimprovisationen (“She was the Sheriff of Hong Kong/ I am the Sheriff of Hong Kong Gong (dazu schlägt der Kapitän auf einen chinesischen Gong ein)/ I’m long gone to Hong Kong Kong”) auf wütende Verse („God, please fuck my mind for good/ Making love to a vampire with a monkey on my knee/ Oh fuck that thing...fuck that poem...”).

Zwischendurch sorgten zwei kurze, atemberaubend schöne Instrumentalminiaturen für ein wenig Ruhe im Karton: Gary Lucas erlernte für eines davon eigens eine Fingerpicking-Technik mit allen fünf Fingern der rechten Hand. Gary Lucas: „One of the greatest compliments I received was when Lester Bangs aked me, ‘Which guitar did you play, the top or the bottom?’ upon hearing my solo guitar piece Flavor Bud Living on Doc At The Radar Station. I told him, ‘Lester, that’s all me live - no overdubs.’”

Wer sich je auf Beefhearts hohe tonale Kunst einlassen möchte, dem/der sei als erstes "Doc At The Radar Station" empfohlen und nicht gleich das unbegreifliche "Trout Mask Replica" von 1969. Denn auf "Doc ..." ernteten er und seine Mitstreiter das auf den Punkt gebrachte Chaos, das sich die frühere Magic Band (von der auf Doc ..." nur noch John French a.k.a. Drumbo dabei ist) mit "Trout Mask Replica" erst noch erkämpfen musste. Daher ist es für den Einsteiger leichter, die vollreifen Kaktusfrüchte des Doktors auf der Radarstation zu kosten, anstatt sich vorher im knorrigen Garten Zur Forellenmaske an überstehenden Baumwurzeln den Knöchel zu brechen, um danach als Folge des Traumas von Beefhearts Musik für immer die Finger zu lassen - wenn ich mich mal kurz in rumpelige Bilder versteigen darf. Was Beefheart an mitreissendem Abstract’n’Roll-Out-Blues-Punk hier abliefert, ist in dieser Form bis heute unerreicht.

25.08.2007

The Beau Brummels - Gut trotz Fusselbartfans

The Beau Brummels
Volume 2
1965


Ich würde zu jedem Zeitpunkt seit ca. 1983 die Musik, die die Beau Brummels in der Zeit von 1965 bis 1968 ablieferten, auf dem Silbertablett präsentieren, egal was für ein gut gerührter Musikquark gerade wieder regieren würde. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Denn man kann die Band jederzeit so entdecken, wie auch ich sie in den 1980ern entdeckt habe. Dem voraus ging allerdings ein massiver Berg an Vorurteilen, der abgetragen werden musste, denn die Beau Brummels waren wie fast alle Sixties-Beat-Drechsler erstmal der Feind für Freunde von Punk und Wave wie ich. Ich hatte Sweet, die Beatles und Stones hinter mir gelassen, mich durch Pink Floyd und Supertramp geknutscht, Genesis und Al Stewart am Rande gestreift, nun aber, ab 1979 etwa, regierte das täglich Neue. Das Alte gehörte zerstört, denn mit ihm verband ich verachtenswerte Hippiekultur, schlimmer noch, ich verband mit ihm zerfurchte und entkräftete Alt-Hippies auf Plattenbörsen, die sich tatsächlich die Beau Brummels kauften. Ich sah es mit eigenen Augen! Feind, Feind, Feind! Der Teufel trägt Fusselbart (so nannte man das damals). In keinster Weise wollte ich also mit solchen Typen zu tun haben, die uralten Sixties-Kram hörten. Ich wollte Geräusche Für Die Zukunft hören! Den Widerspruch, den meine bleibende Beefheart-Bewunderung darstellte, verdrängte ich in meinem Gedankenkonstrukt. Aber die Beau Brummels? Lächerliche Beat-Musik!

Wie so oft im Leben: Vorurteile sind super, bis man die rechte Gelegenheit findet, sie einfach mal zu überprüfen, denn natürlich hatte ich keinen einzigen Ton der Beau Brummels bis dahin je gehört. Die Gelegenheit bot sich über einen Bekannten, der sich damals gerade die Wiederveröffentlichungen der Beau Brummels- und der Seeds-LPs auf Line Records besorgt hatte. Ich lieh mir von den Beau Brummels „Introduction“ und „Volume 2“ aus und war sofort überzeugt - ganz besonders von „Volume 2“ -, vielleicht auch, weil mich das Neo-Sixties-Revival der damaligen Zeit (für mich waren die 80er in keinster Weise ein Jahrzehnt von Depeche Mode und Synthie-Pop) wieder mit Macht auf die Beatles, Beach Boys und Byrds stieß (deren Platten ich vorher natürlich alle verkauft hatte).

Die Beau Brummels müssen den Vergleich mit den großen B's der 60er-Popmusik nicht scheuen, denn „Volume 2“ steckt beispielsweise das frühe Prä-Psych-Werk der Byrds locker in die Tasche. Makellose Songs, ähnlich der Byrds auf Folk-Sedimenten abgelagert und mit mehrstimmigem Gesang beschichtet, aus der Bay Area der vorgeblich unschuldigen Zeit vor 1966, in der Zeit also bevor das Kokain tonnenweise auf Luxusjachten unter der Golden Gate Bridge hindurchgeschippert wurde. Songs, denen man zwar noch den Einfluss der British Beat Invasion anhört, die sich aber schon von ihrem Einfluss zu befreien wissen (anders als ihre schwächere erste Platte „Introduction“) und dessen große songschreiberische Eleganz von „I Want You“, „Tell Me Why“, „Sad Little Girl“, „Don’t Talk To Strangers“, „Woman“ (bestes Beat-Instrumental wo gibt) mich bis heute zu keinem Zeitpunkt im Stich gelassen hat - obwohl ich sie bis vor kurzem nur als össelige Cassette besaß. Ron Elliott gehört zu jenen seltenen Songschreibern, die ihre Songs mit immer neuen Ideen vor Langeweile schützen, ohne ihre Struktur aufzugeben und dessen Texte auch von Trauer und Verständnis zu erzählen wissen.

Sal Valentino ist einer der ausdrucksstärksten Sänger, die je das Glück hatten, einer klassischen Bandbesetzung (git, git, bass, drums, voc) vorstehen zu dürfen und dessen sanftes Tremolo vielleicht seinen italienischen Vorfahren geschuldet ist, was vielleicht auch die leidenschaftliche Balance zwischen Sensibilität und Offensive erklärt. Zudem gelang es Produzent Sly Stewart (der später als Sly Stone den Aufstieg und Fall des Superstardoms beispielhaft exerzieren sollte), eine für 1965 sensationell klare Produktion aus dem beschränkten Equipment herauszukitzeln. Die Gitarren perlen auf den besten Stücken so klar und erhaben, wie sie Roger McGuinn zu jener Zeit vielleicht in besonders fantasiereichen Träumen herbeigewünscht haben mag. Die Songs folgen immer einer Maxime: Langweile nie - auch nicht, wenn du von betrüblichen Dingen wie einem traurigen, kleinen Mädchen erzählst! Zusammen ergibt das eine mich immer wieder berührende Mischung extremen Talents und langsam aufbrechender Unschuld. SF-Bay-Area-Beatmusik at its highest level.

Man kann sich anhand der Analogie mit den Byrds übrigens auch die Qualität der Folgeplatten der Beau Brummels herleiten: „Volume 2“ ziehe ich in jedem Fall dem Frühwerk der Byrds vor, wohingegen deren Einstieg in die Psychedelische Ära mit „Younger Than Yesterday“ noch überzeugender gelang als den Beau Brummels mit „Triangle“ (das aber trotzdem einige ganz hervorragende Songs enthält). In der anschliessenden countryfizierten Phase, der sich beide Bands zuwendeten (die Beau Brummels ein knappes Jahr eher übrigens), haben wiederum die Beau Brummles mit „Bradley’s Barn“ die Nase vorn, das doch um einiges besser ist als das zwar hochgelobte aber doch ziemlich langweilge „Sweetheart Of The Rodeo“ von den Byrds.

22.08.2007

Alva Noto + Ryuichi Sakamoto: Vrioon - revisited

Alva Noto + Ryuichi Sakamoto: Vrioon
2002

Irgendwann habe ich dann die Stille entdeckt. Und mit ihr „Vrioon“ von Alva Noto und Ryuichi Sakamoto. In meiner Hilflosigkeit, sie zu beschreiben, begann ich, ganz nahe an sie heranzutreten. Mir schien das nur folgerichtig, denn weder die kurzen Töne von „Vrioon“- leises Klipsen, ein Klavieranschlag, kurze abbrechende Stränge - noch die Lücken, die sie ließen, kamen mir so vor, als wollten sie von fern gehört werden. Ich kam so nahe heran, bis ich nur noch die Musik und die äussere Struktur ihres Trägers wahrnahm.

Ich vermutete einen Plan in Aufmachung und Verpackung von „Vrioon“. Ich dachte, die LP-Hülle mit ihren wenigen aufgedruckten Informationen, die Farbe und Beschaffenheit sowohl des Covers als auch der Schallplatte selbst sind absichtlich so konzipiert worden, damit sich mit jeder Benutzung winzige Informationen einprägten: Die Herausnahme des Vinyls erzeugte jedes Mal einen Abrieb, der sich beim Hören durch winzige Kratzgeräusche hätte bemerkbar machen müssen. Ja, machen müssen, aber die Kratzer gingen tatsächlich so in der Musik auf, dass sie kaum mehr als Störung identifiziert werden konnten. Auch das nicht beschriftete Einlegeblatt nahm externe Spuren auf: Es bekam nicht mehr entfernbare Knickstellen, jedes Mal wenn ich es in die Hände nahm. Man konnte diese kleinen Verletzungen als sichelförmige Prägungen auf der milchig-durchsichtigen Oberfläche gut erkennen.

Diese Spuren faszinierten mich. Ich sah in ihnen die Musik gespiegelt, die - kaum selbst vorhanden - in der Lage war, Informationen der Umwelt in ihre Struktur aufzunehmen. Ich hatte den Eindruck, ich könnte „Vrioon“ nur dann gerecht werden, wenn ich mich auf diese Spuren fokussieren würde und wenn es mir gelingen würde, mich mit dem Album aus der erweiteren Umgebung zu isolieren. Ich konzentrierte mich daher darauf, welche Eigenschaften es entwickelte, wenn ich es beispielsweise auf meinen Händen trug, wenn ich eine Hand langsam davon entfernte oder wenn ich das Vinyl aus der Hülle nahm und schräg gegen das Licht hielt.
Die Eindrücke - meine und diejenigen, die sich in die Struktur von Vrioon einprägten - versuchte ich so genau wie möglich zu notieren.

21.08.2007

ISIS - Baden auf eigene Gefahr!

ISIS - oceanic
2002


Melvins-Metal und Post-Rock als Vektoren, um Länge und Tiefe, Strömungsverhalten und Wellenstruktur des Ozeans zu erfassen? Was hätte der olle Vermessungsaddikt Humboldt wohl dazu gesagt? Vielleicht gar nicht mal schlechtes, denn dass selbst Tiere ihre Umgebung mittels Echolot abscannen, dämmerte ihm ja damals schon, als er Fledermäuse in feuchten Erdhöhlen beobachtete. Warum also nicht exakte, schallwerfende Kompositionskunst dazu benutzen?

Ich habe diese Band ISIS, die zwei „Aarons“ in ihren Reihen zählt, kaum erforscht, aber das macht ja nichts, der Ozean ist schliesslich auch kaum erforscht und trotzdem schippert man drauf rum, geht drin baden, schluckt Salzwasser und ist jedesmal wieder froh, heil an Land zu kommen. Und ich will auch gar nicht so genau wissen, was für womöglich zweifelhafte Typen das in Wirklichkeit sind, die mich in diesen gewaltigen Sound tauchen. Nur so viel: Sie kommen aus Boston, und dort versteht man sich ja traditionell aufs Schiffe versenken. Das reicht mir an Info, denn ich bin eine verletztliche Seele, die Schreckliches schwer wieder vergisst. Lieber denke ich bei ISIS an ein Wissenschaftlerteam aus Geologen, Biologen, Geophysikern und Nautikern. Allesamt ehrbare Naturwissenschaftler, die aufbrechen, um den Ozean zu erforschen, so wie jene aufrechten, kopfgesteuerten Forscher in den Geschichten H.P. Lovecrafts: integer und voll logischer Vernunft - bis sie den Verstand verlieren und so rumschreien, wie ISIS es zu tun pflegen, wenn sie denn mal ihre Stimme - äh - heben wäre hier das falsche Wort.

Ich kleinbürgerliches Weichei musste mich natürlich erst an diesen schröcklichen Gesang gewöhnen, ein Schreien und Grunzen unter schwierigen akustischen Bedingungen, so scheint es. Aber wer kann sich auch schon unter Wasser mit seiner Stimme verständlich ausdrücken? Selbst Sätze, die in freundlicher Absicht formuliert werden - „Hallo, schön, dass du gekommen bist!“ - klingen im Ozean wie das Grollen und Donnern plötzlich in Bewegung geratener Korallenbänke. Bis heute weiss ich nicht, ob die wenigen Zeilen, die zu den Tracks im Booklet abgedruckt sind, die Lyrics darstellen sollen, oder einfach nur die Stimmung anheizen: „… as he teetered on the edge, with his eyes rolled back, jet streams criss crossing over his head, the sun laid his wavering shadow over the surface of the water“. Hä? Aus den heiseren Gurgel- und Schreilauten ist jedenfalls keines dieser Worte zu entziffern.

Für die Musik scheint unser Scientisten-Team zu rein wissenschaftlichen Zwecken Dynamit-Fischen im Sankt-Andreas-Graben zu betreiben. Kolossal-Metal ohne Hochtonsoli, der reine Melvins-Sound in langsam und episch. Dazwischen sind ambient-ähnliche Strecken eingruppiert, Post-Rock-Regenerierungen aus Breitwand-Schlagzeug und Bass-Figuren. Die Art von Ruhe und Erholung, die eine Taucherkugel ausstrahlt, die sich von der Kette gelöst hat und ZEN-mäßig in den Abgrund schwebt, beleuchtet von einer dämmrigen Allee aus Laternenfischen - bis dann wieder gewaltig der Ozean vermessen wird. Und ich nehme jede Messung mit Freude auf, denn ISIS sind meiner Vorstellung des idealen, allumfassenden Metal-Sounds, den ich sehr konkret im Kopf habe, schon verdammt nahe gekommen. Wahrhaft ozeanisch und mich immer erfrischt und mit bester Laune ans Ufer spülend.

20.08.2007

Robert Wyatt: Neues Album im Herbst

Datum: Oktober 2007

Titel: Comicopera

Aufbau: 16 Tracks, unterteilt in drei Akte

Produzent: Robert Wyatt

Charakter: Basiert auf Ensemble-Spiel, mehr live

Aufnahmeort: Louth, Lincolnshire + Phil Manzaneras Gallery Studio

Musiker: u.a. Eno, Manzanera


Quelle: The Wire / 281 / July 2007

04.07.2007

ESPERS: Werksbesichtigung

Extended and carefully remastered version

Die Espers sind die onyxglänzendste und dunkelschönste Folk-Noir-Band der letzten Jahre, höre ich mich denken. Und bei allem Respekt, das muss an Information genügen. In Fieberträumen begebe ich mich stattdessen auf die Suche nach dem Ungefähren und Nicht-Greifbaren, in der Hoffnung, dass aus deren Summe etwas Fassbares ausflockt, fast so wie ein anorganisches Salz aus dem gekonnten Zusammenmischen verschiedener Flüssigkeiten. Anfangs geleitet hat mich das Debutalbum „Espers“ von 2004, das so klar und evil und schön ist wie ein Gebirgsbach, der lieblich fließend mit unsichtbarem und geruchlosem Gift versetzt auf ein von der UNESCO geschütztes mittelalterliches Fachwerkdorf zufließt.

Zwei Jahre später gewährt uns „Espers II“, das noch wirksamere Folgeprodukt, einen weiteren tiefen Einblick in das technisch komplizierte Verfahren der Giftmischerei. Zusammen mit einer kleinen Gruppe Interessierter mache ich mich daher zu einer Werksbesichtigung auf.


Foto: Alissa Anderson (thank you for your permission to use it!). www.alissaanderson.com

An der Eingangspforte des Firmengeländes kommen wir an lieblich angelegten Beeten und gekonnt geschnittenem Buschwerk vorbei. Linker Hand des Gebäudekomplexes steht ein kleines Wäldchen aus dickstämmigen, grotesk verästelten Bäumen unbekannten Alters. Es stellt das Holz bereit, aus dem spezielle Akustikinstrumente gefertigt werden, deren charakteristische klangliche Beschaffenheiten in der Summe erst das Resonanzklima bilden, in dem die langsam aber bestimmt wirkenden toxischen Substanzen ihre Stabilität bewahren. In der benachbarten kleinen Werkshalle werden zum Beispiel die Celli, die auf „Espers II“ noch mehr zum Tragen kommen als auf dem Debut, feingetuned, um auf besonders geheimnisvolle Weise ätherisch zu wirken. Wie das funktioniert, wissen selbst die Betreiber nicht genau. Der Konstrukteur der Anlage gilt als unbekannt, soll aber besonders in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts gewirkt haben. Die Konstruktionspläne sind mit merkwürdigen, sechsblättrigen Symbolen versehen. Auf dem dunkelbraunen Schöpfpapier wirken sie wie Eiskristalle und stilisierte Blüten gleichzeitig. Ein firmeneigenes, kombiniertes Wärme-und Kältekraftwerk stellt die Energie bereit für die elektronischen Sounds aus Tongeneratoren und E-Gitarren, die sowohl aus dem Innern des Werkes als auch aus dem Innern der Songs zu uns herübergeweht kommen.



Der Firmengründer Greg Weeks begrüßt uns an der schattigen Seite des Hauptgebäudes. Er wirkt eloquent und zufrieden. Das Unternehmen prosperiert. Es bietet nun sechs statt vormals nur drei Klangbedienern eine Beschäftigung an. Zu den Gründungsmitgliedern Greg Weeks, Meg Baird und Brooke Sietinsons sind noch Helena Espvall, Christopher Smith und nicht zuletzt mit Otto Hauser endlich auch ein echter Schlagwerker mit ins Team gekommen. Aus Sicherheitsgründen müssen alle sechs Langhaarigen auf dem Werksgelände spezielle Haarnetze tragen. Die Matrix des Fadenstoffs der Haarnetze soll gerüchteweise Polymere aus Spinnfadensekret enthalten. Als ich eines der Haarnetze befühle, stelle ich fest, dass es überhaupt nicht klebrig ist. Stattdessen scheint sich das Webmuster der Netze ständig langsam zu verändern. Greg Weeks verrät den Gästen jedoch nichts über dieses seltsame Phänomen.

Aber er verrät ein paar andere Geheimnisse aus dem Innern der Hexham Head Sound Laboratories in Philadelphia, einer No-Go-Area auf dem Produktionsgelände, zu der die Besuchergruppe auch nach mehrmaligem Bitten kein Zutritt gewährt wird. Zum Beispiel dass die Band auch auf dem neuen Album einem genauen Pfad folgt. Improvisiert wird so gut wie gar nicht. Jeder hat seinen festen Part innerhalb der Struktur. Daddeliges Folkgeklingel im Gruppenerlebnissound ist die Sache der Espers nun mal nicht. „Zum Glück“, träume ich leise, damit meine Worte nicht allzu stark von den seltsamen, symmetrisch gebogenen Wänden zurückgeworfen werden.

Als der Rest der kleinen Besucherschar durch ein fieses Flötenarrangement abgelenkt ist, kann ich Greg kurz in eine Ecke ziehen. Greg, warum vergiften die Espers ihren Folksound auf so raffinierte Weise mit elektronischen Störgeräuschen? Im Flüsterton erzählt er: „Wir wollen einen gewissen Gehalt an Bösem in unsere Songs einbringen. Wenn Geräusche oder Drones von unten an den Melodien zerren, wird Spannung erzeugt, es wird unbehaglich. Wir wollen damit aber keine kranke Stimmung heraufbeschwören. Es geht um ein angenehmes Unbehagen. Der Song wird vergiftet und erfährt gleichzeitig ein höheres Level an Schönheit.“ Du arbeitest zurzeit an einem Horrorfilm. Worum geht es da? „Es geht darum, wie der Mensch der Steinzeit seine Denkweise in die Gegenwart transportiert. Es geht um den Planeten und die Gegenkraft, die die Menschheit zu ihm entwickelt – und um den Preis, den die Menschheit dafür zahlen muss“, gibt sich Greg kryptisch. Passend dazu seid ihr ja auch schon mal im Planetarium aufgetreten. „Ja, das müssen wir unbedingt mal wieder machen. Eine Planetariumstour würde…“, wir werden durch Schritte gestört. Die Gruppe nähert sich uns langsam und schwankend, noch etwas betäubt von dem mittlerweile die Produktionshallen erfüllenden Zartbittersound aus Violine, droniger E-Gitarre und ‚male & female larynx’, wie es auf „Espers II“ so schön heißt. Meine Kehle ist davon ganz trocken geworden, ich bekomme Durst.

Kurz darauf ist die Führung zu Ende. Im Gästebuch des kuppelförmigen Eingangsbereichs finde ich Einträge von Devendra Banhart (in Spanisch), Linda Thompson und einer Delegation der Incredible String Band. Andere Namen wiederum existieren nur in Form von absurden Kürzeln, teils mit rostroter Farbe und Vogelfeder geschrieben, teils mit Stempel oder Barcode versehen. Ich kann die Zeichen nicht entschlüsseln. Eine innere Stimme sagt mir, ich solle es auch nicht versuchen. Als ich gehen will, bietet mir eine freundliche junge Dame mit glockenhellem Hauchgesang einen Becher mit ‚köstlichem Gebirgswasser’ an. Ich zögere nicht, lösche meinen Durst und wache nicht mehr auf.

28.06.2007

THE COCOON: This is all happening cause I think so





THE COCOON: WHILE THE RECORDING ENGINEER SLEEPS
(1984; VÖ 1989 auf Wilhem Reich Schallspeicher)


Es lohnt sich immer wieder, kleine Notizen über Psychedelist Jürgen Gleue in diesen weltberühmten Blog einzupflechten, der sich mit Lärm und dessen Politiken beschäftigt. Meist allerdings mit Lärm. Ich wähle dieses Mal seine Kollaboration von 1984 mit dem damaligen Kastrierten Philosophen Mathias Arfmann; dem Free-Jazz-Vibraphonisten Gunter Hampel; Flötist und Saxophonist Thomas Keyserling - spielte mit Hampel in der Galaxie (nicht Galaxy!) Dream Band - und Rüdiger Klose, der die Verbindung bildet zwischen Gleue und Arfmann, weil er sowohl mit Ersterem bei Exit Out trommelte als auch mit Zweiterem bei den Kastrierten Philosophen. Verwirrend? Ja, und so soll es auch sein, denn so ist auch The Cocoon!

Warum „While The Recording Engineer Sleeps“ in der Blogspot-Welt der Psych-Heads keine Erwähnung zu finden scheint, in der doch sonst jede, aber wirklich jede halbgare, nur in Zwölferauflage als Testpressung verschenkte Platte mitteltalentierter Garagen-Psych-Bands aus Verona oder Villaregio oder Estremoz der ausgehenden 60er Jahre oder des 60er-Revivals Mitte der 80er Jahre mittlerweile im Netz ver-share-filed und abgefeiert wird, kann ich mir nicht erklären. Die müssten eigentlich alle kollektiv ausflippen, wenn die das hier zu hören bekommen.

So vieles, was diese Bande bleicher Gestalten 1984 zusammenfantasierte, fasziniert und begeistert mich immer noch:
Etwa das Bemühen, sich zwar kundig in den Kontext von US-Song-Psychedeliken zu stellen, ihn aber mit anderen Zeiten (50er Jahre Mad Scientists, eben „The Last Days Of Wonder“, wie ihn die samtenen, amerikanischen Country-Verdreher Handsome Family im letzten Jahr in „Tesla’s Hotel Room“ besingen) und anderen Zeichen (Englischer Gesang mit deutschem Hardcore-Akzent, Free Jazz und Improvisation, Europäische Intellektuelle aus armen Verhältnissen) anzureichern und zu verwirren, also die Sinne im besten psychedelischen Sinn zu fordern und zu erweitern. Denn was leistet gute Psychedelik in erster Instanz anderes als archaische Verwirrung? Verwirrung der Zusammenhänge und Verwirrung der Sinne und der Wahrnehmungsapparate - mit den Ohren sehen („I Can See Voices“), mit dem Gehirn verändern („Ventilator Change Into Airplane“), mit der Pubertät abheben („Teenage Dope Slaves“), mit Andeutungen mystifizieren („Hanging around like no one else would do, oh yeah”).


Solche Reisen und Erfahrungen strengen natürlich auch an, Freunde. Weil ein Weg immer erst durchschritten werden muss, bevor man am Ende verändert wieder herauskommt. Abkürzungen gibt es nicht. Daher muss auch „While The Recording Engineer Sleeps“ bisweilen etwas anstrengen. Die Belohnung wartet in den wirklich wundervollen, scheinbar ausserhalb der physikalischen Welt liegenden Vibraphon-Beiträgen von Gunter Hampel, in Gleues gewohnt aus der coolen Finsternis gesprochenen Wortbeiträgen, der kongenial in deutschen Akzent getunkten „Soulful Voice“ (so das Einlegeblatt der LP) von Gunter Hampel (der unter anderem auch auf dem besten Track, dem Titelsong, singt) und der bewusstseinserweiternden Wirkung von Versen, die brutal in die Melodien gezwungen werden. Hallige Beats halten den Recording Engineer derweil in andauernd narkotisiertem Zustand und verhindern gleichzeitig, dass sich die Band in selbstreferenziellem Psycho-Rock-Jazz-Gedaddel verliert. Denn es mag zwar so scheinen, als wären hier schwer angeknallte Typen am Werk, ich glaube aber eher, dass bei der Realisierung von “While The Recording Engineer Sleeps“ nur wenige Moleküle externer Drogen im Spiel waren. Die bloße Zusammenkunft im Studio Hardenberg zu Osnabrück scheint mir schon von ganz alleine ausreichend interne Endomorphinausstöße bei den Beteiligten evoziert zu haben. „Wasn’t it that easy?“ fragt Hampel euphorisiert am Ende des kollektiven Gewirrs von „The Ritual Of The Boogie Transformation“. Nochmal: „Wasn’t it that easy?“ Und er antwortet gleich selbst: „It was thaaat eeeaaasyyy!“




Für mich ist Jürgen Gleue mit der ihm absolut ebenbürtigen Besetzung von The Cocoon am weitesten in dem gekommen, was ich ihm als Ziel auch seiner anderen Projekte während seiner aktiven Zeit als Musiker einfach mal unterstelle: Einen (un)behaglichen Psychedelik-Untergrund zu entwickeln, indem er auf amerikanischem Acid-Underground und
spätsiebziger Punk-Elektronik-Trash einen eigenen Estrich legt und mit Auslegware aus krautiger Arroganz und europäischem Impro-Jazz wohnlich gestaltet. Vielleicht der Urahn dessen, was das Kammerflimmer Kollektief heute so an Impro-Psychedelik zusammensetzt.

Jürgen Gleue hat sich im übrigen aus dem aktiven Musikgeschehen zurückgezogen und sammelt mittlerweile alte DDR-Comics, wie mir mal auf Anfrage im Spex-Forum ein anscheinend Vertrauter veriet.

31.05.2007

Antonio Carlos Jobim: Kaskaden, Wagnisse, Lacke, Erschöpfung, und wieder von vorne





Antonio Carlos Jobim: A Certain Mr. Jobim (1967)

Die große und zum Bersten unergiebige Insider-Sause des Tell-Us-Why-Projektes möchte ich heute fortsetzen mit dem bis dato völlig bekannten Antonio Carlos Jobim.
Nur ein paar hundert Millionen Menschen kennen die Lieder dieses nonchalanten Brasilianers. Höchstens der halbe Erdball hat eine Platte von ihm im Schrank. Daher starb Antonio Carlos Jobim am 8. Dezember 1994 an einem Herzinfarkt als Folge einer Blasenkrebsoperation als völlig vermögender Mann. HSeine Musik ist so unbekannt, dass sie selten nur einmal von den Bewohnern der rechtwinklig angeordneten Straßenzüge zwischen Leblon und Ipanema gesummt wird. Schlendert man durch New York, Tokyo oder London, sind seine Songs aus kaum mehr als siebenundneunzig Prozent aller Schnöselcafes zu hören. Begibt man sich auf die beschwerliche Suche nach seinen Platten, findet man sie in zufällig ausgewählten Tonträger-Geschäften nach sekundenlangem Durchforsten, denn sie sind extrem selten selten. Ich denke daher, ich kann beträchtliche Checkerpunkte sammeln (die ich alle verloren habe, seit ich statt Roddy Frame Roddie Frame schrieb), wenn ich diesen fast völlig unvergessenen Komponisten und Pianisten dem vollständigen Erinnern entreisse.
Nun aber los, sonst leidet die Übersichtlichkeit, der es dieser Tage nicht so gut geht, wie man liest:
Man könnte einige Jobim-Platten hier auswählen, weil sie sich im Aufbau gleichen: Ein Bossa Nova-Groove wird mit genau austarierten Melodien und Harmonien getränkt, die Jobim in wochenlanger Arbeit bis zur Perfektion bearbeitet. Dann setzt er sich mit dem Arrangeur und Orchesterleiter zusammen und entwickelt die Arrangements. Die fallen dann entweder sehr voll aus (Sinatra-Arrangeur Nelson Riddle), verspielt und TV-Show-kompatibel (Eumir Deodato) oder weich und transparent (Claus Ogerman).
Ich habe „A Certain Mr. Jobim“ von 1967 hier aus zwei Gründen ausgewählt: Wegen Claus Ogerman und wegen „Surfboard“. Denn Ogerman ist mir der liebste Jobim-Arrangeur, weil man aus seinen Arrangements am besten die Klasse, die Wagnisse und die wirkliche Schönheit in Jobims Musik heraushören kann. Hört euch „Bonita“ in der ersten und dann in der von Ogerman arrangierten Fassung an. Wie Ogerman nach den ersten Versen („What Can I Say To You Bonita/ What Magic Words Would Capture You?“) den Samtvorhang öffnen lässt, eine Zehntelsekundenpause setzt, aus der heraus das ganze Gebilde dann mit einem leichten Streicherwirbel wieder in die Spur kommt. Dabei ist er immer darauf bedacht, das dem Bossa Nova eigene Bestreben nach gesanglicher Zurückhaltung, minimaler Lautstärke, leicht klingendem, aber vertracktem Beat und einer gewissen wohligen Getragenheit zu erhalten. Und es ist verdammt schwer, sich mit einem Streichorchester im Rücken zurückzunehmen. Jobim selbst reiht sich mit seiner dunklen, rauchigen Stimme ein in die Riege anderer grosser variationsarmer Stimmen wie der von Lou Reed, Lee Perry oder Joao Gilberto. Noch mehr gäbe es zu schreiben. Über das wundervolle Wagnis etwa, in „Off Key (Desafinado)“ wirklich neben der Spur zu singen, ohne daraus einen (für einen guten Bossa Nova unverzeihlichen) Novelty-Gag zu machen, oder über das fantastische Pianospiel Jobims.
Mein Ritual bei „A Certain Mr. Jobim“ sieht immer so aus, dass ich die Platte ganz durch hören will, aber doch erstmal zu „Surfboard“ skippe, das ich so lange höre, bis ich erschöpft bin und dann lasse ich das ganze Album in meinem kraftlosen Zustand durchspielen. „Surfboard“ ist extraordinär, mit seiner seltsamen Keyboard-Kaskade, dem unglaublichen Mittelteil, wenn plötzlich alles zu stehen beginnt, sich wieder anfängt zu bewegen, sich aber noch nicht ganz traut, sich schüchtern zurückzieht und es schliesslich doch wagt und in den Song zurückfindet. Man kann auch eine Analogie zum Wellenreiten darin sehen, wenn eine Welle zu kommen scheint, sie sich aber doch nicht ausprägt und man auf die nächste Welle wartet, die einen wieder trägt.
Insider wie ich besitzen "A Certain Mr. Jobim" natürlich als Super-Billig-Pressung von Pickwick Records, mit unterirdischem Cover und falschem Titel ("A Certain Mister Antonio Carlos Jobim"). Ich empfehle aber die CD "Composer" (erschienen in der Reihe "Warner Archives"), auf der die beiden Jobim-Alben „The Wonderful World Of …“ und „A Certain Mr. Jobim“ zusammengefasst sind. Ausserdem sind noch zwei Songs von „Love, Strings And Jobim“ enthalten, dazu sehr informative Linernotes und vier alternative Versionen. Man kann hier an einigen Songs (z.B. „Surfboard“) die Arrangements von Ogerman gegen andere abgleichen. Eine sehr lohnenden Beschäftigung, denn auch auf „Wonderful World…“ sind zwar entzückende Arrangements anzutreffen, aber es wird noch augenfälliger (ohrenfälliger?), mit welch hochwertigen Lacken Claus Ogerman den Schmelz modelliert und den Bossa-Beat betont hat, dass es einem echt die Espandrillos anzieht. Wieviel Arbeitet muss es Jobim und Ogerman gekostet haben, diese verflucht brillanten Kompositionen auf solch schwebende Fundamente zu stellen!


* See also other contributions on: THE TELL-US-WHY PROJECT - The Step-By-Step Top 50 List Of Your Favourite Records. Founded in May, 2007. Regulary released at the german INTRO-FORUM.

21.05.2007

Musikforen heimlich belauscht. Heute: Little Feat

wahr: dieser thread widmet sich little feat, einer der besten bands, die anfang der 1970er jahre ihr langhaariges haupt erhob. ich bin voreingenommen gewesen, weil little feat ab ca. 1975 furchtbaren fusion-rock fabrizierten, aber die ersten drei platten sind hervorragende gegenargumente gegen mein eigenes vorurteil, welches besagt, dass man so schlecht wie die stones spielen muss, um so gut zu sein, wie die stones anfang der siebziger waren. stimmt nicht, man kann fachlich ausgezeichneter musiker sein und trotzdem die stones jener zeit (das muss man ja immer betonen, damit hier niemand denkt, ich finde auch nur einen ton von denen nach 1980 gut) an die wand drücken. ach, mich will hier ja doch niemand verstehen. *heul*

_werner_ : lustig. die habe ich nämlich auch gerade für mich entdeckt. ich darf dir also ein taschentuch reichen?

wahr: darfst du, _werner_, darfst du. *schneuz*

werner: hallo in die runde. was ist denn euer liebster song von little feat?

wahr: eindeutig willin'. vielleicht der schönste refrain, denn zu hören ich je die ehre hatte. so einfach und doch so kunstvoll:


and i’ve been from tucson to tucumcari/

from tehachapi to tonopah/

driven every kind of rig that’s ever been made/

driven the back roads so i wouldn’t get weighted/

and if you give me (wundervolle pause zum kurz durchatmen)

... weed .... white .... and wine/

and you show me a sign/

i’ll be willin’/

to be movin'


wer schafft es, den refrain fehlerfrei bis zum 'movin' zu ende zu singen? es klingt so einfach und ist doch so schwierig. die melodie erzählt eine geschichte neben den worten. unglaublich gut.

_werner_: easy to slip. so muss ein album loslegen. treibend, kleinteilig, voller ideen und wendungen, trotzdem nach vorne. gott, was für eine gute band die waren!

heiner geißler: das klingt das klingt zum verrücktwerden interessant. wär das was für mich?

wahr: nein, heiner, für dich ist es zu amoralisch und zerstörerisch. little feat in der post-lowell-george-phase wären was für dich. deren integre bedeutungslosigkeit könntest du dann mit neutestamentarischen bibelsprüchen füllen. hier im thread soll es aber um die frühen little feat und um lowell george gehen.

der gute spaß: gut, dass das mal jemand sagt.

_werner_: lowell george ist ein guter souler. „two trains“ beweist es.

der gute spaß: willkommen im forum der wandernden büsche. meinst du jetzt die version auf dixie chicken oder die auf Thanks I’ll Eat It Here?

werner: ich finde beide gut.

wahr: ich finde die version auf dixie chicken besser. wobei ich betonen möchte, dass besonders auf thanks ‚I’’ll east it here’ lowell george großartige gesangsleistungen abliefert. er hat sich ja dort selbst und andere gecovert, weil es ihm gesundheitlich so schlecht ging, dass er nur zwei oder drei neue songs schreiben konnte. dafür singt er unglaublich gut.

crocus: ist das van dyke parks, der mit co-autor "V. Parks" gemeint ist?

werner: denke schon. im booklet von thanks wird ihm ja auch gedankt.

crocus: ihr beste leisung haben little feat eigentlich als studiomusiker für john cales "paris 1919" abgeliefert.

wahr: ja, dachte ich auch, bis ich eben jene ersten drei lps von little feat entdeckte.

der gute spaß: nicht vergessen, dass zwei drittel von little feat auch auf „discover america“ von van dyke parks mitmachten. nämlich george und drummer hayward.

_werner_: womit wir bei einem weiteren höhepunkt von little feat wären: sailin’ shoes, das ja auch auf discover america gecovert wurde.

wahr: echt? die haben bei DiscoverAmerica mitgespielt? das wusste ich gar nicht! fantastisches album, besser noch als paris 1919. vorher haben die mitglieder von little feat bei zappa gespielt, der ihnen zu einer eigenen karriere riet.

werner: da gibt es ja auch verschiedene versionen von, wie dieser „ratschlag“ zappas ablief, hihi.

werner: wie stehts denn eigentlich mit der dritten von little feat, dixie chicken?

wahr: finde ich nicht ganz so gut wie die ersten beiden, aber sie hat einige momente erhaben schlaffer funkiness. 1973 war ein gutes jahr für diesen gesättigten groove. z.b. fool yourself (das ja dann später von a tribe called quest für „bonita applebum“ gesamplet wurde): hinein ins herz des mainstreams, darüber wird noch bei anthony moore zu schreiben sein, falls ich je mein review von „flying doesnt help“ fertig bekommen sollte …

der gute spaß: anthony moore? kenne ich nicht.

wahr: tut hier auch nichts zur sache. ich kam halt drauf, weil sowohl little feat (spielten bei zappa vorher) als auch anthony moore (spielte bei slapp happy vorher) aus dem prog/avantgardekontext heraus den mainstream in angriff nahmen. ansonsten ist das musikalisch weit voneinander enfernt.

crocus: manchmal klingt lowells slide wie eine mariachi trompete (fat man in the bathtub)

_werner_: es ist echt traurig, dass lowell so früh starb. gegen ende sank sein songschreiber-output gen null.

wahr: wenn er sich dann aber aufraffen konnte, gelangen ihm immer noch schöne songs.

_werner_: seine letzten beiden hiessen ‚I’ve got 20 million things to do’ und ‚heartache’. damit ist alles gesagt.

der gute spaß: überhaupt die texte? was ist mit den texten?

wahr: ich bin noch nicht so weit. ich höre noch nicht so auf die texte.

_werner_: solltest du aber.

wahr: ja, sollte ich. das, was ich so aufschnappe, ist gute bis obskure american staubfresser-lyric. und natürlich der wundervolle refrain von willin.

werner: meint ihr nicht, wir werden mit dieser diskussion die jüngeren mitbürger langweilen?

der gute spaß: ach, was solls. hier ist der präriehund begraben. da kann ein wenig fachsimpelei über eine frische band wie little feat keinen mehr verschrecken.

legoland + wahr: endlich mal was los hier!

18.05.2007

The Baptist Generals - Fuck! It's On The Tape!



This is part of the TELL-US-WHY PROJECT





The Baptist Generals: No Silver /No Gold


Blog-Kollege Brinkmann verdanke ich den ein oder anderen Tipp an abseitiger, sich im Life-Struggle verheddernder Musik. Unter anderem auch diesen hier: Die Baptist Generals - die texanische Strassenkötervariante der Violent Femmes, wie ich sie nennen würde, würde man mich zu prägnanten Analogien zwingen.

Mich zwingt aber niemand zu prägnanten Analogien, und so hole ich jetzt etwas weiter aus, da ich textlich zur Geschwätzigkeit neige und mir sowieso die Forderung, man möge sich doch in Internetforen und Internetblogs kurz halten, weil niemand die Zeit und Muße hat, sich durch lange Texte zu „quälen“, schwer auf die Nerven geht.

Wer auch ständig genervt sein muss ist Chris Flemmons, Sänger und Komponist der drei Baptistengeneräle. Das Cover von „No Silver/No Gold“ illustriert den ungefähren Grad seines Genervtseins: Man sieht darauf den Kopf eines irritierten und ängstlichen Säuglings, über dem Sikorski-Doppelrotor-Hubschrauber kreisen, wie ein Heiligenschein aus Killerinsekten.
Flemmons stelle ich mir als kaum berechenbaren Typen vor, mit einer Portion Grundaggressivität ausgestattet, dabei recht gehemmt und nur selten mit seinen Gefühlen aus sich rauskommend, ausser natürlich, wenn er sich angegriffen fühlt, und er scheint sich verdammt oft angegriffen zu fühlen.

Flemmons heiserer Gesang klingt, als würde er einem an der Schwelle zur Übergewichtigkeit stehenden Körper gehören, auch wenn „gehören“ vielleicht nicht das richtige Wort ist, da die Stimme sich ab und zu der Kontrolle seines Besitzers zu entziehen scheint. Sie fängt dann an zu zittern und zu beben, ohne an Verve und Präsenz zu verlieren. Nie verfällt sie ins Jammern. Beim Hören habe ich den Eindruck, als wenn Flemmons nur einmal, ein einziges Mal, den jeweiligen Song absolut hinreissend hinbekommt, und der alleinige Grund, warum die Ausbeute an Tonträgern der Baptist Generals so erbärmlich gering ist (zwei (?) EPs und eine CD in neun Jahren), könnte der sein, dass Flemmons vermutlich hunderte von Songs geschrieben und gesungen hat, aber halt nicht immer ein Mikro da war, wenn er diese eine einzigartige Superversion zum Besten gab. Manchmal ist dann aber doch zufällig ein Mikro und ein Wenig-Spur-Aufnahmegerät vorhanden, und wenn dann der kostbare Moment kommt, dann wird er durchgezogen bis zum Schluss - oder bis nach drei Minuten das Telefon klingelt, welches daraufhin in einem Wutanfall zu Kleinholz verarbeitet wird. Zu hören ist das auf dem intimen „Ay Distress“, mit dem „No Silver /No Gold“ seine knarrende Pforte öffnet.

Manchmal drängeln sich auf „No Silver /No Gold“ minimale Schepperdrums unhöflich nach vorne und machen großartig treibenden Krach. Eine Keyboardorgel sirrt und ein Cello brummt ab und an vor sich hin, ein akustischer Bass zerschellt fast an den Wiedergabegrenzen des Aufnahmegeräts. Ansonsten wird die Szenerie aber von sehr bestimmt geschlagenen LoFi-Gitarren beherrscht; und natürlich von Flemmons leicht angetrunken wirkender Vortragsweise mit texanischem Akzent, von dessen Power sowohl in kontemplativen wie auch in exaltierten Momenten ich nicht genug bekommen kann. Jeder Song ist künstlerisch soviel wert wie ein Ölfeld in der texanischen Wüste schmutzige Dollars abwirft. Indes werden die Baptist Generals von ihrer Musik nicht leben können. Sie scheinen auch wenig Interesse daran zu haben, ausserhalb von Texas aufzutreten. „No Silver /No Gold“ erschien 2003 in Deutschland auf Glitterhouse (und in den USA auf Sub Pop). Ihr Promoter (Hallo Stephan!) schickte mir vor zwei Jahren mal einen neuen Track zu, weil ich unbedingt wissen wollte, wann mal wieder was kommt aus Denton, Texas. Ein guter kleinteiliger Song, den aber der Odem des Überambitionierten umwehte („Raw From Self Destruction“ ist mittlerweile auf der MySpace-Seite der Baptist Generals zu hören). Als der Promoter bei Chris Flemmons nachfragte, ob dieser Song denn alles wäre, was sie hätten, erntete er pampige Antworten. Ich hoffe inständig, sie kriegen das mit dem Album noch irgendwie auf die Reihe und begnügen sich nicht mit selbstgenügsamen Auftritten in und um Denton, Texas.

„No Silver /No Gold“ gibt es bei Glitterhouse im Mail Order für 6,75 Euro. Die ebenfalls hervorragende, noch roughere EP „Dog“ gibt es dort für 4,75 Euro. Ich empfehle dringend den Kauf. Es soll noch eine andere, ältere EP geben, die ich aber nicht kenne. Ich kenne auch niemanden, der sie kennt. Kennt hier vielleicht jemand jemanden, der sie kennt?


See also other contributions on: THE TELL-US-WHY PROJECT - The Step-By-Step Top 50 List Of Your Favourite Records. Founded in May, 2007. Regulary released at the german INTRO-FORUM.

08.05.2007

CAPTAIN BEEFHEART & HIS MAGIC BANbin der spiegelmann schau den spiegel an










CAPTAIN BEEFHEART & HIS MAGIC BAND
mirror man
1967 (VÖ 1971)




Mirror Man steht (und fällt? Nein, es fällt tatsächlich nie.) mit Drummer John French a.k.a. Drumbo, der mindestens so viele Hände zu haben scheint wie die hinduistische Göttin Durga. Die meisten benötigt er zum Spielen, aber ein paar Hände hat er auch frei, um sie denjenigen zu reichen, die bereit sind, sich von ihm durch die vier 8-19 Minuten langen Tracks von Mirror Man führen lassen.

Man sollte dieses Angebot annehmen und Händchen haltend durch den aufgeräumten Irrgarten schlendern, den Beefheart und seine Magic Band 1967 anlegten, denn tatsächlich erschliesst sich Mirror Man sehr schnell, wenn man sich nur auf Drumbos furioses Schlagzeugspiel konzentriert. Dann zieht er einen durch die Tracks wie eine nach bestimmten, nicht ganz durchschaubaren Mustern geknotete Schnur, während man die Gitarren links und rechts als inspririerten Improv-Zierat nur noch halb bewusst mitbekommt. Der Bass walkt derweil den Humus durch, während sich der Captain als Howlin-Wolf-Impersonator durch das Gestrüpp harpt, singt, musettet und knurrt, soweit ihm dabei die damalige Mikrophontechnik zu folgen imstande ist. Drei der vier Tracks sind live im Studio entstanden. Man mag es vielleicht kaum glauben, aber Mirror Man ist eine Blues-Platte. Mayflower Child Met A 25th Century Quaker Blues. Das ist so toll, ich könnte heulen wie Bruce Darnell.

Auf dem Cover sind noch drei weitere unvertonte Gedichte Beefhearts abgedruckt, von denen besonders das längste, I Like The Way The Doo Dads Fly, die Sinne aufmischt. Beefhearts Naturbeobachtungen sind Wahrnehmungsritte durch Flora und Fauna. Sieh in 'Doo Dads' durch das Auge einer Libelle im Angesicht von Gottes glücksgrüner Zunge wie ein gigantischer Seestern in Meer und Schaum versinkt. Später (auf Trout Mask Replica) lässt Beefheart die Musik durch ein Fliegenohr hindurch aufnehmen, welches nur durch ein Fliegenauge zu erkennen ist („Master master/ This is recorded thru a flies ear/ And you have to have a flies eye to see it!“, aus „The Blimp“). Auf dem Cover von Trout Mask Replica schaut/riecht/spricht der Captain durch das Gesicht einer Forelle, ein Oktopus denkt in Alliterationen - die Natur-Lyrik Beefhearts ist fern jeglicher Romantik oder Kitschigkeit, sie nimmt mit den Sinnen von nicht menschlichen Wesen wahr. Die Menschheit macht keine glückliche Figur: sie schießt sich als Affenpaar in den Weltraum, bildet seltsame Hybridwesen aus, wird shanghait, beutet die Vorkommen an Erdöl aus (was laut Beefheart nichts anderes als Saurierblut ist) oder muss beinlos am Strassenrand Bleistifte verkaufen. Da ließe sich einiges zu sagen, aber Trout Mask Replica und Konsorten werden auf 'Lärmpolitik' bestimmt immer mal wieder durchgemangelt werden.



30.04.2007

Die Blue Sky Boys (4): Treppe putzen für den Bruder

WHERE THE SOUL (OF MAN) NEVER DIES


Lässt man die Songs der Blue Sky Boys durchskippen, nach drei Sekunden zum nächsten, dann entwickelt sich ein unendlicher, leicht variierter Loop eines einfachen Mandolinen-Themas, immer wieder und wieder, immer wieder gleich, immer wieder anders, bis in Ewigkeit, Amen.

Und da wollen sie auch hin, Bill und Earl und hunderttausende Andere, dahin wo die Seele des Menschen niemals stirbt, wo sie Entschädigung erhoffen für den Scheiß auf Erden, so hat es William M. Golden 1914 mit frommeren Worten als Gospel formuliert. Und wenn die Stimmen von Bill und Earl korrespondieren, die GOldenen TReppenstufen für den jeweils anderen putzen, wenn dann Bills Stimme in die Höhe steigt und den Vers weiter trägt, begleitet vom sonoren Summen seines Bruders und sie sich am Ende wieder treffen „where the soul of man never dies“, dann, nein, dann glaube ich nicht an den Himmel, dann denke ich stattdessen an ein Leben, welches solche Hoffnungen braucht, um überlebt zu werden.

13.04.2007

Michael J. Sheehy: Bitte zerschinden!


Die spiegelglatte Plastik-Hülle von Michael J. Sheehys neuer CD „Ghost On The Motorway“ war schon übel zerkratzt, kaum vier Tage nachdem sie mir ein freundlicher Geist über den Motorway hat zukommen lassen. Ein gutes Zeichen. Denn gute Musik bekommt bei mir nicht nur zwingend einen Körper nachgekauft, selbst wenn sie erstmal körperlos als mp3-Datei vorhanden sein sollte, sondern sie bekommt dann auch sehr schnell einen geschundenen Körper. Aberdutzende dieser geschundenen LP-Cover stehen und liegen hier rum, zerfleddert, an den Ecken vom vielen Angefummel ganz weich und faserig geworden, die Titel auf dem schmalen Rücken ins Unleserliche abgerieben. Bei CDs mit guter Musik geht die Abrasion noch schneller voran als bei LPs. Die Plastikhüllen wandern ständig zwischen Wohnung und Auto hin und her, um ja keine Gelegenheit ungenutzt zu lassen, deren Inhalt lauschen zu können. Sie werden während der Autofahrt blind durchwühlt und gegriffen und dann wieder und wieder zurück geworfen auf den Plastikhaufen der gerade als essenziell empfundenen CDs, der sich chaotisch auf dem Nebensitz türmt, oder sie fallen gar in den tiefen Gletscherspalt zwischen Sitz und Tür, eingeklemmt und verletzt wie Bergsteiger, die sich beim Sturz ihre Knie an den steilen Felswänden aufschlagen. Sammelt man die CDs am Ende des Tages wieder ein und stopft sie hektisch unter viel Plastikgeklapper in den noch sandigen Rucksack und schüttet ihn dann in der Wohnung wieder aus, haben die Hüllen den Status von undurchsichtigem Milchglas erlangt.

Genau so muss gute Musik aussehen!

Michael J. Sheehys neue CD „Ghost On The Motorway“ sieht genau so aus. Eigentlich sieht auch Michael J. Sheehy so aus. Auch er ist gerüttelt und geschüttelt worden vom Leben, hat Blessuren abbekommen, sich zum Beispiel am Glauben gerieben (der Spiegel würde „zwischen Papst und Porno“ stabreimen, oder „zwischen Gospelkirche und Gangbangkino“) und ist einige Male vor den Kopf gestoßen worden, durch Trennungen, Enttäuschungen, Irrtümer und den Folgen irischer Trinkfestigkeit - und mindestens auch durch recht chronische Erfolglosigkeit. Sheehy hat also was erlebt, und guter Musik steht es ausgezeichnet, wenn sie was erlebt hat. Es liegt daher nahe, dass sich Sheehys Musik an anderen erlebnisgetränkten Musiken orientiert. An Tom Waits zum Beispiel, an Leonard Cohen, an kontemplativen, indifferenten Momenten von Van Morrisson meinetwegen auch. Addiere Gospel, addiere schwergängigen, alten Folk („alt“ wie in „old primitive“), addiere nicht gehaltene Versprechen, addiere den lakonischen Katzenjammer nachdem das Blut der gebrochenen Nase getrocknet ist. Und addiere ein paar seltsame Augenblicke der Beau Brummels, als diese ohne Drummer ihre Folklinse künstlich unscharf stellten, um in nicht greifbarem Zwielicht zu versinken. Addiere auch eine virtuos zwischen Transparenz und mumpfig-aufgesumpft austarierte Produktion, die genau so viel im Klaren lässt, dass sie klarstellt, dass das Wichtige im Unklaren verborgen bleiben muss. Und je mehr ich Michael J. Sheehys „Ghost On The Motorway“ zwischen Auto und Wohnung zerschinde, desto mehr verbirgt sie vor mir. Sie hat sich jede Schramme redlich verdient.


M.J. SHEEHY WEBSITE

ROBERT MIEßNER ÜBER SHEEHY

08.04.2007

Die Blue Sky Boys (3): Familienaffäre

THERE'LL COME A TIME

Mann Mann, eine Frau verliess Mann und gemeinsame junge Tochter für einen anderen. Kommt vor, Mann, kommt vor. Klar, der Verlassene ist traurig, die Tochter fragt warum. Daddy erzählt es. Daddy erzählt auch gleich, dass Mommy zwischendurch in ihr altes Haus zurückkehrte, um zu sterben. Dann schlägt die Moral zu, Mann Mann Mann: Pappi hat nämlich Angst um seine Tochter, denn wenn er mal dahingeschieden ist, wer soll sie dann leiten? Und ausserdem hat er Schiss, dass Tochterherz ihren Pappi eines Tages mal genauso verlassen wird wie ehemals seine Frau es tat (als wäre das das Gleiche!). Und was ist seine Quintessenz? Liebe Tochter, wenn du dereinst heiratest, dann denke an meine Worte und ehre deinen Gatten und verlass' ihn nicht. Echt, ich sag euch, wenn mich nicht die Blue Sky Boys so einseifen würden mit ihrem Gesang, einlullen mit ihrem Wiegenliedsound aus Mandoline und Gitarre, ich würde die Einser und Nullen dieser Einundsiebzig Jahre alten Aufnahme aus der CD kratzen. Aber so muss ich leider kapitulieren. Ich hoffe nur, Tochterherz verlässt ihren Zukünftigen, falls der sich als Arschloch erweist. Vielleicht hört sie mich ja, auch wenn ich nicht so ausserweltlich singen kann.

28.03.2007

Alexander 'Skip' Spence: Allein unter Spuren


Als Alexander ‚Skip’ Spence im Dezember 1968 nach sechsmonatigem Aufenthalt aus der geschlossenen psychiatrischen Abteilung des Bellevue Hospitals, New York, entlassen wird (spätere Diagnose: Paranoide Schizophrenie), überlässt er sein Hab und Gut den Mitinsassen. Was er jetzt machen wolle - zurück nach San Francisco, zurück zu den Kumpels von Jefferson Airplane oder Moby Grape, bei denen er Schlagzeug und Gitarre gespielt hat? Alexander ‚Skip’ Spence entscheidet sich dagegen. Er investiert stattdessen sein letztes Geld in ein gebrauchtes Motorrad und fährt nach Nashville.

Es muß für den ein oder anderen Farmer auf der rund 400 Meilen langen Strecke eine seltsame Begegnung gewesen sein, einen langhaarigen Bartträger im Patienten-Outfit an ihm vorbeirauschen zu sehen. Ob Spence seine während der Monate in der Geschlossenen geschriebenen Songs im Benzintank versteckt, ist nicht überliefert. Er überlebt die Reise jedenfalls - anders als die zeitgleich und fiktiv im Film „Easy Rider“ durch das weiße Amerika fahrenden Dennis Hopper und Peter Fonda - und checkt im Nashviller Columbia Studio ein. In nur vier Tagen entsteht „Oar“ - die Bestandsaufnahme einer vormals lokalen Berühmtheit der San Franciscoer Acid-Rockszene, der durch die Einweisung in die geschlossene Psychiatrie plötzlich der existentielle Boden unter den Füßen weggezogen worden ist.

Als befürchte er, seine Erfahrungen anderen Musikern nicht vermitteln zu können, spielt Spence das Album komplett alleine ein. Mit Bass, Gitarren und Schlagzeug schart er die Spuren seiner Musik und seines Zusammenbruchs um seine Stimme, formiert sie zu einer speziellen, buchstäblich in der Zelle entstandenen psychedelischen Kammermusik. Im majestätischen „All Come To Meet Her“ holt Spence noch einmal den Summer of Love 1967 zurück. In der slow-mo Country-Folk-Verdunkelung „Weighted Down (The Prison Song)“ präsentiert er sich als einen um Jahrzehnte gealterten lebenszerrütteten Loner - kaum zu glauben für einen gerade mal 22jährigen. Im Hintergrund des mächtigen „Books Of Moses“ scheint jener höchstselbst seine Bücher noch einmal in Stein zu meißeln. Schließlich der Höhepunkt: das 14minütige erschütternde Medley „Grey/Afro/This Time He Has Come“. Zu phrasierter Drum’n’Bass-Begleitung zerflüstert und vernuschelt Spence die Verse zu einem fast unidentifizierbaren Wortstrom. Zum Ende windet er ‘es’ heraus: „I can’t live about it, I can’t talk about it, I can’t sing about it ...without you!“.

Die Liebe als unbedingte Notwendigkeit, der schöne Schein psychedelischer Erfahrungen und der existenzbedrohende Horror von sechs Monaten psychiatrischer Inhaftierung - all das fließt in „Oar“ ein. Spences große Leistung ist es, die Kraft aufgebracht zu haben, sein zerrissenes Leben in diesen rauen Schönheiten und zärtlichen Erschütterungen fassbarer gemacht zu haben. Kein Zeugnis eines gebrochenen Mannes. Ein Triumph.

26.03.2007

Jesse Sykes And The Sweet Hereafter: "Like, Love, Lust & The Open Halls Of The Soul"


Dazu müsste Brinkmann was sagen, nicht ich, denn ich höre Jesse Sykes hier zum ersten Mal richtig und vollständig, also nicht versteckt als Gastsängerin auf "Altar" von SunnO)))/Boris. Ich bin aber spontan bereit, ihr selbigen zu schnitzen, oder meinetwegen auch mit falschen, angekanteten Zirkonoxid-Zähnen aus schwarzem Mammutbaumholz zu NAGEN. Vielleicht schleift sie sich aber selber Kraft ihres Gesangs einen eigenen Schrein. Ihre heisere Kehle ist dazu im Stande, Schicht um Schicht abzutragen, selbst wenn es Jahrhunderte dauern sollte. Aber was ist schon Zeit, wenn sie sowieso stehen bleibt in dem Moment, wenn die Sykes zu singen anfängt?

Ich weiss nicht, ob ich das irgendwo gelesen habe oder mir gerade selbst herbeifantasiere, aber das erinnert mich an einen Typen, der bisher ohne Vergleich geblieben ist: Tim Buckley. Er bleibt auch weiterhin ohne Vergleich, aber wie man auf anderen, schwer rekapitulierbaren Wegen zu einer ganz ähnlichen Unbestimmtheit gelangen kann, die dunkel und hell zur gleichen Zeit ist, das demonstriert Jesse Sykes auf "Like, Love, Lust & The Open Halls Of The Soul" aufs beeindruckendste. Eine nicht für möglich gehaltene Mischung aus Happy/Sad-Folk und Greetings-From-L.A.-Rock, ohne Alkohol, ohne Kontrollverlust, mit richtiger Band, die auffängt, Lücken lässt, sich zurücknimmt und nach vorne drängelt. Oder suggeriert mir das nur der gewohnt sensibel klirrende Mix von Tucker Martine? Es freut mich jedenfalls, dass diese Art von Musik existieren kann, ohne dass man einen frühen Künstlertod dafür sterben muss.

Dazu müsste noch mehr geschrieben werden. Wer macht's?

BRINKMANN-EDIT

Kollege Ahrensfeld läßt offensichtlich keinen Treppenterrier geschulten Trick aus, um mich zu nötigen, neben Kellerwänden auch weiterhin diesen Blog "vollzuschreiben" - für Dälek gab es wenigstens noch ein vorsichtig angeknistertes Vinyl von Neil Young ("Comes A Time"), bei Woven Hand und Laura Veirs setzte er vergeblich auf meine Entdecker-Eitelkeit (wie sagte Schreuf so schön: "Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette---nfabrik" - ob das noch mal was wird mit dem Reader?). Aber jetzt versucht er es mit Jesse, und da hört der Spass auf! Die wollten Hablitzel und ich schon seit langem geheiratet haben, nur waren die Flüge nach Seattle überbucht und... Egal.

Was gibt es noch zu erwähnen? Die Frau hat eine eigene Website - http://www.jessesykes.com/ ; es gibt ein sehr intimes Radio-Konzert mit ihr und Phil Wandscher ihrem Begleiter (ex-Whiskeytown, ex-Hominy, ich glaube auch ihr Kerl) - sie waren in der Sendung "Morning Becomes Eclectic at 11:15am" zu Gast und das ist hier zu sehen: http://www.kcrw.com/music/programs/mb/mb041118jesse_sykes_and_phil (etwas tricky,der grössere/gefettete Link am Ende des Absatzes funktioniert nicht, ihr müsst den ersten, kleinen Watch-Link nehmen - dann öffnet sich ein neues Fenster, dort kommt erst mal ein sehr kurzer Trailer zum traurigen Stand der Online-Radio-Gesetze und danach 40 Minuten pure Bliss!) ... Mich hat das ganz wuschig gemacht, aber nicht nur den Fanboy in mir - man beachte die frühe Frage nach den Covern...:

-----Original Message-----
From: Lars Brinkmann
Sent: Tuesday, February 07, 2006 1:12 PM
To: Markus Hablizel
Subject: die sykes
click das: http://www.kcrw.com/music/programs/mb/mb041118jesse_sykes_and_phil (link aktualisiert) ansonsten, wenn der link nicht funzzt, einfach auf ihrer site unter links auf "Morning Becomes Eclectic 11/18/04".... es lohnt sich. diese stimme... *gänsehaut*

Am 07.02.2006 um 13:22 schrieb Markus Hablizel:
Mist, der Stream bleibt nach fünf Minuten hängen. Muss ich zuhause schauen.Die Dame kommt straight aus den Sechzigern, oder? Dieser Tonfall, die belegte Stimme (okay, evtl. der Erkältung geschuldet), das Repetetive...Bei Amazon gibt's zwei, drei Alben, die werd ich mir holen! Oder ist das Vinyl so geil, dass man sich lieber das holt? Klappcover mit ihr drauf?

Am 07.02.2006 um 13:32 schrieb lars.brinkmann@XXX
musst du machen, schon wegen der geschichte zu "sweet hereafter" - sie betont, dass sie ja nicht wie so eine doofe new age-tante wirken will aber erzählt dann doch einen traum,... ganz gross, eine frau für die man umsiedeln möchte, um ihr näher zu sein. auch schön: wurde von lynyrd skynyrd zur musik gebracht, wie sie das erklärt - alles richtig.
was die sechziger angeht; ich weiss nicht, für mich dockt das atmospärisch noch eher an die fünziger an, julie london, torch-songs, dieses unschuldige schmachten mit der gewissheit um den vermeintlichen betrug... dazu aber dieses badalamenti-mässige, was sonst nur chris isaac in seinen selten grossen momenten besitzt; neee, das ist schon sehr hier & jetzt... zeitlos... die hat nur die beiden alben gemacht (und eine single), beide toll - die 1. lp (reckless burning) hat ein klappcover mit ihr druff aber ohne bilder "drin", die cd hat ein etwas anderes cover und mehr bilder :o) die zweite hat leider kein klappcover und ein vergleichsweise prosaisches, leicht modernistisches cover... also ran da, erstmal die cds, dann das vinyl, so hab ich das auch gemacht (die musik schreit natürlich nach feinem knistern)

Am 07.02.2006 um 13:42 schrieb Markus Hablizel:
Hahaha und dann singt sie: "I'm on your side now!" Und wer hätte diese Dame nicht gerne auf seiner Seite. Fickende Hölle!

Am 07.02.2006 um 13:50 schrieb Lars Brinkmann:
bei dem radio-konzert musst du mal darauf achten, wie sie an einer stelle dem moderator ins wort fällt und sich dann
gestisch selbst diszipliniert - sweet... meine lieblingsstelle.

(...)

-------------- Not the End --------------

Das ging dann noch mal ein paar Tage mit uns so weiter, zwischendurch konnten wir uns nicht einigen, wer ihr nun den Antragg machen darf; mittlerweile gibt es ein neues Album, das vielleicht nicht ganz sooo zwingend ist wie die beiden Vorgänger aber immer noch besser als 99% der Alben ihrer Mitbewerber - demnächst ist die Dame auf Deutschlands Bühnen zu erleben, eine sicher Empfehlung für einen schönen Abend im Kreis der Lieben.

Spring European Tour (April)
12. Amsterdam , NL - Paradiso
13. Rotterdam, NL - Motel Mozaique
14. Tongeren, B - Viva Velinx
16. Toulon, F - Faveurs de Printemps
17. Grenoble, F - Le Ciel
19. Zürich, CH - Zukunft
21. Bourges, F - Le Printemps de Bourges
23. Bilbao, ES - Kafe Antzokia
24. Madrid, ES - Neu! Club
25. Valencia, ES - Loco Club
26. Barcelona, ES - Zacarias club
27. Huesca, ES - Teatro Matadero
28. Schorndorf, D - Manufaktur
29. Dresden, D - Scheune
30. Hamburg, D - Markthalle
XX. Berlin (Kollege Busche, ebenfalls ein Bewunderer, behauptet, die Sykes käme auch nach Berlin...)

16.03.2007

The Handsome Family: After We Shot The Grizzly




Man stelle sich bitte einen ausgeruhten Country-Schleicher vor, mit einer umschmeichelnden Männerstimme, losgelöst von Hektik und Sorgen, in sich ruhend, im Geiste auf der Holzveranda gespielt. Got it? OK, hier nun der Text, sanft schaukelnd vorgetragen, mit Blick auf das Meer:







After we shot the grizzly
After the airship crashed
After we lost the compass
After the radio went dead

We shot and ate the horses
We marched through deadly swamps
Inside a limestone cave
I found a human skull
Yes, Mary, I found a human skull

The captain caught a fever
we tied him to a tree
We stared into the fire
And tried not to hear his screamss

I killed a tiny antelope
not scared by my approach
we turned it over dying flames
ass we huddled in the gloam
Yes Mary, we huddled in the gloam

We built a raft from skin and bones
Only five could safely float
the others stood upon the shore
they screamed and threw sharp stones
Yes Mary, they threw the sharpest stone

But how the sea did spin us
How the waves did roar
The captain jumped into the storm
then we were but four

one by one we chose our straws
till only I remained
but Mary you are with me now
all around me in the waves
Yes Mary, you are in the waves


Danke, liebe Handsome Family. Danke auch dafür, dass ihr einen Song über Nikolaj Tesla verfasst habt. Aber das ist eine andere Geschichte.


THE OFFICIAL HANDSOME FAMILY HOME PAGE

13.03.2007

Hair Police: Abrasion und Materialermüdung

‚Do exactly as you’re told and nothing will happen to you’, lässt Raymond Pettibon 1985 einen mit Gewehr bewaffneten Cop sagen, und dem so Angesprochenen wird in jenem Moment bewusst sein, dass seine Wahlmöglichkeiten höchst beschränkt sind, will er aus der Sache halbwegs lebendig wieder raus kommen. Den Anweisungen der Ordnungshüter von Hair Police sollte man ebenfalls unbedingt Folge leisten, sonst würden sie wahrscheinlich einen ganz ähnlichen kranky Noise aus einem herausprügeln, wie sie es sonst nur aus ihren bis zur Unkenntlichkeit verbrummten Gitarren und Oszillatoren zu tun pflegen.

Damit möchte ich sanft die heutige Kolumne „Benommen zu Zeiten“ einleiten, die sich unterschwellig mit Themen befasst wie denjenigen, ob Lokalanästhesie Kreativitätsblockaden lösen kann oder ob ein Track zwangsläufig schlecht sein muss, nur weil man ihn nie wieder hören möchte.

Es kommt immer wieder einer kleinen Enttäuschung gleich, wenn gewaltige und faszinierend ungenießbare Musik nicht von Blut trinkenden Barbaren mit schusssicheren Lederjacken und Locken aus aschgrauem Fiberglas stammt, sondern von freundlichen, langhaarigen, etwas schlabbrigen Collegetypen aus - wie in diesem Fall - Lexington, Kentucky, die sich auf ihrer Website artig für die Unterstützung während der letzen Tour bedanken und auch ansonsten den Eindruck von umgänglichen, im Waschcenter brav auf ihre Wäsche wartenden Heranwachsenden machen. DIE machen so’ne Musik???

Wie von so vielen anderen im Grenzbereich von Psychedelik, Drone und Improvisation operierenden Kollektiven vom Schlage Black Dice, Sunburned Hand Of The Man oder Animal Collective wird auch von der seit 2001 auf Streife fahrenden Hair Police jeder Ton gesammelt und gewissenhaft in Untersuchungshaft genommen, um daraus dann innerhalb von sechs Jahren gefühlte 37 Platten zu veröffentlichen oder als selbstgebrannte CD-Rs an Wehrlose und Bedürftige zu verschenken. So gelangten denn auch zwei Tonträger zur Bewährung in meine Hände, nämlich „Obedience Cuts“ (2004) und „Drawn Dead“ (2005). „Drawn Dead“ besteht aus vier längeren, unterschiedlich stark verzerrten Gitarren-Abrasionen und weiteren untergeordneten elektronischen Abrieben, die dort beginnen, wo keine Namen mehr existieren, und für die das Wort "Distortion" zu lieblich klänge. Ständig brechen scharfkantige Partikel aus dunklen Oberflächen, und ehe man versucht, sich einen Weg durch das Geröll aus abrupt verändernden Feedback-Noises zu bahnen, zerbröselt der Krach ins Nichts - um sich sodann im nächsten Track als Kriegsszenario wieder neu zu erfinden. Ich kann aber beruhigen: Die vereinzelten Schreie sind elektronisch generiert; soweit mir bekannt ist niemand bei den Aufnahmen zu Schaden gekommen.

Ebenso wenig wie vermutlich auch bei „Obedience Cuts“ von 2004. Die Stücke sind hier kürzer und, ähm, abwechslungsreicher. Es findet sich mit dem Titeltrack sogar ein kontemplativer Ruhepol, der zum größten Teil aus unregelmäßig geschlagenen Glockentönen besteht (die natürlich die Ruhe schon wieder zu untergraben verstehen). Dafür gehen die Splattersounds noch markerschütternder zur Sache und haben auch entsprechende Namen wie „Open Body“, „Boneless“, „Full of Guts“ oder „Skull Mold“. Mein Favorit bleibt aber obige „Drawn Dead“, gerade weil sie auf Abwechslung keinen Wert legt und sich konsequent solange schmirgelt, bis sie aufgrund von Materialschwund aufhört zu existieren.

Schon seit einigen Tagen trage ich mich mit diesem Text herum, ohne jedoch etwas Nennenswertes zustande gebracht zu haben. Jetzt, unter dem Eindruck einer frischen Parodontose-Behandlung und noch vollständiger, mich sabbern machender Rundumbetäubung des Mundraums, geht der Text dann plötzlich sehr glatt von der Hand. Daher mein Tipp: Hair Police besorgen und Heil- und Kostenplan für eine PA-Behandlung bei der Krankenkasse beantragen.


Hair Police Homepage

02.03.2007

The Clean - urplötzlich auf unverdächtigem Datenträger materialisiert!



Mysterium meines alten Psion Revo Organizers: Seit einiger Zeit schreibe ich meine Notizen, die ich auf meinen Autotouren mache, in eine Datei mit dem seltsamen Namen "AAA Auszeit". Warum, wieso, weshalb? Nur vage ahne ich es.

Egal, jedenfalls versteckte sich auf einer Daten-CD, die ich zufällig in meinem Wagen fand und die den schlichten Namen „Foto“ trägt, eine von mir verdrängte Doppel-CD von The Clean aus Neuseeland, die es vielleicht ohne diesen geheimnisvollen Zufall nicht mehr an die Oberfläche meiner Wahrnehmung geschafft hätte. Nun, die Band hätte meine Verdrängung sicher überlebt, würde sich noch leben.

Bekannt wurden The Clean Mitte bis Ende der Achtziger Jahre durch hibbelige Geschwindigkeitstracks, wie sie die Velvet Underground vielleicht gespielt hätten, wären sie nicht in ihrem New Yorker Kunst- und Literatur-Kontext dazu gezwungen gewesen, das Hibbelige durch das Schwierige zu ersetzen. Tatsächlich ist „Point That Thing Somewhere Else“ eines der treibendsten (und coolsten) Stücke, das im weiten Feld von Punk-initiierter Psychedelik je aufgenommen wurde. Es gibt noch ungefähr zwei Dutzend andere herausragende Tracks auf der (chronologisch angeordneten) Anthologie, die mal mehr mal weniger die Rasselbande herauskehren, ohne allerdings ganz auf gekonnt eingesetzte Verorgelungen zu verzichten.

Auf der zweiten CD, im fortgeschrittenen Bandalter sozusagen, entwickelten sich The Clean etwas weg vom schnellen Independent-Gerocke. Man räumte die Songs auf und fegte dabei die Tracks manchmal ein wenig zu besenrein. Der elektrisch verstärkte Krach wurde entzerrt und runtergedimmt. Die besten Songs dieser Phase gehen fast als frühe Pink Floyd durch. Das Hibbelige verschnauft in experimentelleren Dreiminütern, sanfteren Entwürfen nicht mehr ganz so schwindeliger Bonbon-Psychedelik - und in mit deutschem Fantasieakzent gesungenen Seltsamkeiten wie einer Hommage an Ludwig, König von Bayern, incl. Schwulsein, Wagner, Schlösser, Walt Disney und Ertrinken. Seltsam? Sehr seltsam. Das ist so Syd Barrett, wie Syd Barrett auf Demoaufnahmen zu den Demoaufnahmen zu den Demoaufnahmen halt Syd Barrett gewesen sein könnte. Lachen ohne Madcap.

24.02.2007

Die Blue Sky Boys (2)










SUNNY SIDE OF LIFE

Ein frommer Wunsch, klar, die sonnige Seite des Lebens möge auf dieser Seite des Daseins liegen. Unsere beiden Bolick-Brüder vermuten sie jedoch auf der anderen Seite. Eines Tages, du weißt schon, wenn man stirbt, wenn man endgültig tot ist, tot, tot, tot, dann liegt das Gute vor und, klar, der ganze Scheiß hinter dir. So steht’s in „Reformation Glory“, dem Gesangsbuch von Daddy Bolick. Nicht ganz mit meinen Worten steht es da, klar.

Die Brüder packen also mal wieder Mandoline und Gitarre aus, d.h. sie packen sie gar nicht erst wieder ein, an diesem 16. Juni 1936. Sie stehen am Mikro, Song auf Traditional auf Gospel folgt. Sie sind die Blue Sky Boys. Ob das Southern Radio Corp. Building, 208 S. Tyron Street, Charlotte, North Carolina an diesem Tag ein wenig ins Wanken gerät, während Bill und Earl beginnen, ihre Stimmen ineinander zu bringen? Klar.



21.02.2007

Jimmy Miller: Wer machte den Break? - Eine Beweisaufnahme



Angeregt durch meine sehr sporadische „The Wire“-Lektüre möchte ich das Ohrenmerk gerne einmal von Langspielplatten weg lenken, weil über kurz oder lang die Langspielplatte (CD, LP, whatever) sowieso bald ausgedient haben wird (oder zumindest in eine staubige Nische verschwindet, wo man mich dann sabbernd Unzusammenhängendes brabbeln wird hören können). Stattdessen werden kleinere Einteilungen die Oberhand gewinnen. Ja, sie haben es in vielen Bereichen eigentlich längst schon getan: Die Welt wimmelt von James-Brown-Samples oder anderen Drum-Loops aus in trockenen Kellern in Berkeley, California, ausgegrabenen Funk-Singles. Der Kölner Jan Jelinek perfektioniert seit Jahren schon die Kunst, Samples innerhalb eines selbstgewählten Kontextes (Kraut, Wave, Jazz, Fauna) zu wählen und sie in so kleine Einheiten aufzuspalten, dass sie nur noch als Reflektionsflächen dienen, die den Urspungskontext in völlig neuen Farben spiegeln. Eine Art unkonkretes und nur emotional erfassbares Sampling entsteht bei ihm.

Um die völlige Atomisierung des Samples durch Jan Jelinek (oder besser Molekülisierung, denn der Ursprung schwingt ja - rational nicht fassbar - bei seinen Tracks immer noch mit) soll es aber diesmal gar nicht gehen. Es geht um ein im konservativen Sinn noch intaktes, nämlich absolut erkenntlich im Kontext verhaftetes, stinknormales Break.


Ich spreche von einer bestimmten Sorte Break, einer dramatisierenden Art, ein Schlagzeug einzusetzen, die - da bin ich mir fast sicher - in ihrer perfekten Ausformulierung eine Erfindung entweder von Jimmy Miller oder von Glyn Johns ist. Ich traf dieses besondere Break nämlich bisher nur auf einigen Platten der Rolling Stones an - auf den von Jimmy Miller produzierten Alben (und von Glyn Johns tontechnisch betreuten) „Beggars Banquet“ bis „Exile On Main Street“, und eben auf dem immer wieder von mir gelobten (und von Glyn Johns produzierten) Song der Steve Miller Band: „Dear Mary“.

Dieses Break (im Folgenden DAs BReak genannt) setzt in Form einer Sequenz tiefer, kräftiger Schläge auf hart bespannten Trommeln ein, von wo aus der Song dann wahlweise weitergeht wie vorher oder aber schneller und anfeuernder wird. Wie es weitergeht spielt jedoch fast keine Rolle, denn dieses BReak schafft es, einen dramatischen Spin in Gang zu setzen, aus dem sich der Song nicht mehr erholen wird. Er gibt die so aufgenommene Energie nicht mehr ab, er hält sich in dauernder Spannung. Songbeispiele für DAs BReak: “Stray Cat Blues”, “Salt Of The Earth”, “You Can’t Always Get What You Want “, “Moonlight Mile”, “Loving Cup”, oder eben besagtes “Dear Mary” der Steve Miller Band.

Die Stones können dieses BReak nicht erfunden haben, denn so gut wie alles, was Drummer Charlie Watts über das besondere Drumming im Studio lernte, hat er nach eigener Aussage von Jimmy Miller gelernt (der im Übrigen selbst ein exzellenter Drummer war. Er spielte auch das überragende Schlagzeug auf “You Can’t Always Get What You Want “; ebenfalls auch auf „Happy“, und sowieso auf zahlreichen Stones-Songs dieser Phase Percussion). Nun könnte man gegen Jimmy Miller als Urheber einwenden, dass dieses BReak auf der letzten von ihm produzierten Stones-Platte, „Goats Head Soup“, nicht mehr vorkommt. Dies spräche gegen ihn und für Glyn Johns als Erfinder, denn mit Glyn Johns Wegfall als Tontechniker ab „Goats Head Soup“ verschwand auch DAs BReak von den Stones-Platten. Nun muss man aber wohl vermuten, dass sich Jimmy Miller in den Jahren 1973-74, in denen zum einen „Goats Head Soup“ entstand und zum anderen die Vorbereitungen zu „It’s Only Rock’n’Roll“ liefen (an dem Miller letztendlich nicht mehr Teil hatte), langsam aus seinem Bewusstsein verabschiedete, was zum Beispiel dadurch zum Vorschein kam, dass er während der letzten Aufnahmen so fertig war, dass er begann, „Hakenkreuze in Holztische zu ritzen“ (Keith Richards). Die letzten Arbeiten Millers für die Stones dürfen also aufgrund schleichender Unzurechnungsfähigkeit nicht gegen ihn verwendet werden, selbst wenn dort DAs BReak nicht zu finden ist. Ausserdem hat Glyn Johns noch einmal 1974 einen Song der Stones gemixt („Fingerprint File“), der ebenfalls nicht mehr DAs BReak enthält.

Hier verliert sich nun die Spur. War Jimmy Miller nach seinem Ende als Stones-Produzent 1973/1974 überhaupt noch für irgendeine Studioproduktion verantwortlich? Haben er oder Glyn Johns danach noch auf DAs BReak zurückgegriffen? Hat Punk als gefühlte Umkehrung aller Werte in der Rockmusik diesem BReak den Garaus gemacht? Wurde er irgendwann und irgendwo in miefigen Studios auf festgenagelten Schlagzeugsets wieder zum Leben erweckt - erfolglos, von erbärmlich untalentierten Bands am Zeitgeschmack vorbei produziert? Wer kann sachdienliche Hinweise geben, die Licht in diese womöglich im Dunkeln schlummernden Geheimnisse bringen können?

Ich möchte meine Beweisführung, die sich aus dem Anfang dieses Textes noch nicht einmal erahnen lässt, damit nun abschließen. Nach Aktenlage war Jimmy Miller weder der siebte Stone (der sechste war zum damaligen Zeitpunkt schon vergeben) noch der erste Beatle der Stones (das war Billy Preston), oder gar der George Martin der Stones (den gab es nie). Er war auch nicht der Maceo Parker der Stones (Bobby Keys) oder der Luxus-Cowboy der Stones (Gram Parsons). Jimmy Miller war nichts weniger als der beste Charlie Watts der Stones, der Ringo Starr ihrer schwierigeren Texturen - und höchstwahrscheinlich der Obermegasuperlehrer dieses einen innovativen BReaks. Bedenkt das bitte, wenn ihr auf die Gräber verblichener Drummer und Produzenten spuckt. Pflanzt stattdessen ein paar Blumen vor Jimmy Millers Urne, zupft das Unkraut heraus und hakt den Weg. Sucht zwei dünne Äste aus dem Untergrund des kleinen Fichtenhains zur linken. Kommt damit nochmal zurück zum Grab und trommelt kurz und kraftvoll DAs BReak auf die kleine eingesenkte Granitplatte. Lasst euch dabei aber nicht erwischen.