14.05.2018

PERE UBU apokalypse now

In den Weiten der Datenbank meines Receivers fand ich letztens einen Live-Mitschnitt von Pere Ubu von 1991: „Apokalypse Now“, der so ziemlich das Gegenteil von den beiden Ubu-Konzerten ist, denen ich beiwohnen durfte. Nämlich kommunikativ und gutgelaunt statt abweisend und erratisch. Was alle Konzerte gemeinsam hatten, war so etwas wie eine große bodenständige Macht, die von Pere Ubus Präsenz ausging, nur eben mit anderer Grundierung. „Apokalypse Now“ macht mir großen Spaß, lärmt auch mal lehrreich in Stooges-Manier, hommagiert Van Dyke Parks, ist vergleichsweise offen und hell. David Thomas kommuniziert mit dem Publikum aufs Liebste. Alan Ravenstine war damals schon nicht mehr dabei, stattdessen aber Eric Drew Feldman. Apokalypse now? Feels like heaven.

12.05.2018

DAVID BOWIE pinups (1973)


Spiel mit Identitäten. Im Bewusstsein, dass man einerseits nicht nur eine einzige Identität hat, sondern sehr viele in einem schlummern, andererseits der Kultur- und Kunstprozess nicht aus einem Individuum schöpft, sondern aus dem, was schon da ist: Vorherige Kunst, sozialer Kontext, Zitate und Überlagerungen. Roland Barthes rief in den 60ern den Tod des Autors aus. Dylan versuchte auf „Self Portrait“ einen Weg, sich selbst aus seinem Werk zu entfernen. Später auf der Rolling Thunder Tour 1975 malte er sich das Gesicht kreidebleich, als wäre er ein Toter. Oder ein Dylan-Darsteller in einem antiken Theaterstück. Bowie fächerte sich stattdessen in zig Identitäten auf. Sie landeten beide irgendwie zeitweise auf dem gleichen Weg damit: Nicht der Künstler schöpft aus einem abgegrenzten Selbst heraus, sondern er filtert das, was die Kultur ihm bietet. Vielleicht deswegen entschied sich Bowie, mit „Pinups“ ein Coverversionen-Album zu machen.

27.04.2018

CECIL TAYLOR conquistador!




CECIL TAYLOR
conquistador!
1966

Der Tod von Cecil Taylor und die anschließende Rezeption im Netz und in den Magazinen hat mich aufmerksam gemacht und mein Interesse geweckt, mich mal mit ihm zu beschäftigen. Ich konnte mich noch an eine Titelstory über ihn in der Wire erinnern, wo er auch ein bisschen unfaires Zeug zu Mick Jagger und den Stones gesagt hatte, aber ich fand es schon erstaunlich genug, dass so ein freier Jazz-Mann wie Taylor überhaupt Lust hatte, sich die Stones auf ihrer ersten US-Tour anzusehen. Ich las etwas über „Conquistador!“, Taylors Band-Platte von 1966, und beschloss, mir die mal zu besorgen. Bei Discogs gab es sie recht günstig bei einem Händler, bei dem ich eh noch andere LPs zu bestellen hatte, nämlich ausgerechnet was von den Stones („Black And Blue“) und weniger ausgerechnet was von Poly Styrene („Translucent“). Ich erwischte ein merkwürdiges Exemplar von „Conquistador!“, das aus einer deutschen tadellosen Pressung 70er-Jahre-Teldec-Pressung bestand, die aber in einer originalen US-Hülle steckte. Diese Version ist auf Discogs dokumentiert, offenbar ist da also jemand aus Deutschland an die Originalhüllen gekommen und hat sie einfach für diese Press-Version benutzt.

Ich hatte ein bisschen Angst vor den atonalen Clustern, von denen öfters im Zusammenhang mit Cecil Taylor geschrieben wird und war überrascht, wie direkt einen die Musik mitreisst, wie sie immer wieder den Hunger antreibt wissen zu wollen, wie es weitergeht. Cecil Taylos knallige Tastenkaskaden kamen mir schon beim ersten Hören unmittelbar gut, folgerichtig und vertraut vor. Vielleicht mein Rückhören seines Einflusses auf die Musik im allgemeinen? So weit von -ichsachma- Jerry Lee Lewis scheint mir das gar nicht entfernt zu sein.

Wenn man vom Rockgetöse kommt, leuchtet es unmittelbar ein, wenn einfach mal in die Tasten gebrüllt wird. Bammbamm bamm bammbammbamm. Ansonsten kann Taylor natürlich weitaus mehr, seine Klavierläufe können Lichtjahre überbrücken und gleichzeitig so subtil sein wie ein geladenes Elektron. Der Sound hat eine anthrazidene Färbung – ähnlich dem geheimnisvollen Coverbild – ist dunkel und etwas unscharf und verbasst. Mir gefällt das, weil eben dadurch nicht der Eindruck entsteht, als würde hier unter technisch optimalen Bedingungen einfach eine weitere Blue Note-Platte von Van Gelder routiniert in glanzvollem Sound bei einer gepflegten Tasse Kaffee serviert. Stattdessen legt sich feiner hartnäckiger Schmutz auf die Instrumente, wie auf die Umgebung eines stark befahrenen Zubringerknotens. Der Bass wirkt teilweise wie ein noch etwas bassigerer Ausschlag allgemeinen Gegrummels, das sich weigert, einen festen Ort einzunehmen. Sowas zieht magisch an. Cecil Taylor selbst hätte gerne noch etwas lauter abgemischt werden können.

Cecil Taylor und Andrew Cyrille würde man in „Pacific Rim“ einen Jaeger anvertrauen, so sehr handeln sie in ständigem Kontakt zueinander. Die Soli der Mitstreiter nehme ich nicht als Soli wahr. Sie sind eher sowas wie Motivfinder, Handlungsvorschläge, Strukturreformen und Kommentare. Sie werden oft aufgenommen oder wohlwollend toleriert und ermutigt. Immer werden sie respektiert. Schön sind auch die ruhigen Stellen, wenn es weniger dicht zugeht, ohne das ein allgemeines Energiebritzeln, das über der gesamten Platte liegt, an Intensität verliert. Saxophone und Trompete haben immer mal wieder richtig schöne Melodieteile in ihrem Spiel. Die zweite Seite dann hat eine andere Färbung, ist fordender, zerriger. Immer in einem dichten, enorm attraktiven Gruppensound. Exzellente intensive, erstaunlich unnervige Platte.

16.11.2016

CD-Check Mai 2016



Andy Shauf
The Party“ (Anti Records )
Zuverlässig bringt die kanadische Musik-Szene immer wieder höchst talentierte Singer-Songwriter hervor. Auch Multi-Instrumentalist Andy Shauf ist weit davon entfernt, 0815-Weltschmerz-Geschrammel abzuliefern. Fein ist sein melodisches Songwriting, bei dem er vom Piano über Synthesizer und Gitarre bis Schlagzeug und Klarinette alles selbst eingespielt hat, nur das Cello stammt von einem Kollegen. Die Songs auf seinem neuen Album klingen mal aufgeräumter, mal vertrackter, der Gesang hat etwas leicht Beatleskes. Sie erzählen zehn atmosphärische Minidramen über zehn Menschen während einer Partynacht.
5 von 5

Mira, Un Lobo!
Heart Beats Slow“ (Tapete Records)
Klingt so Krise? Der Soundtrack zum wirtschaftlichen Niedergang in Südeuropa? Der Portugiese Luis F. de Sousa verlor Job und Halt. Nur die Beschäftigung mit seiner Musik brachte Linderung, sie wurde sein musikalisches Tagebuch. Das Album, das er mit Freunden seiner alten Band aufnahm, versammelt Musik, deren elektronische Klangflächen sich bedrohlich auftürmen oder hypnotisch kreisen. Passend dazu tragen die Songs Namen wie „Tramador“, ein starkes Schmerzmittel, oder „Like Punching Glass“. Musik von suggestiver Kraft hat „Mira, Un Lobo!“ („Achtung, ein Wolf!“) geschaffen.
4 von 5

Imarhan
Imarhan“ (City Slang / Universal)
Noch eine faszinierende Musikentdeckung jenseits der üblichen europäischen und US-amerikanischen Pop-Pfade ist die algerische Band Imarhan, die traditionelle Tuareg-Klänge mit Gitarren-Rock-Elementen, Jazz und Funk mischt. „Da ist Hoffnung in dem Groove!“, schreibt ein User auf Youtube unter das offizielle, selbst betitelte Video. Und tatsächlich wirkt der Sound der fünf Männer aus dem Süden des Landes treibend und kraftvoll, ohne versponnenen Heile-Weltmusik-Touch, sondern heutig und zeitgemäß. In England machte der Titel-Song bei der BBC gleich mal Rotations-Karriere. Musik, die dem Zuhörer ohne Umschweife Beine macht, Tanzbeine.
4 von 5

Big Thief
Masterpiece” (Saddle Creek Records)
Obwohl es das Debütalbum der US-Band Big Thief ist, umweht den Sound etwas angenehm Retrohaftes, auf eine gute Weise. Es ist ein Rock-Psychedelic-Folk-Album, die Musik hat Struktur und Kraft, ohne vordergründig pathetisch zu wirken. Sie kann druckvoll auftrumpfen, aber sich auch mal zurücknehmen. Die Stimme von Sängerin Adrianne Lenker, hoch und vibrierend, behauptet sich im Zusammenklang mit der verzerrten Gitarre von Buck Meek, wenn er beispielsweise im Song „Interstate“ ein düsteres Klanggewitter abfeuert. Bass und starke Drums tun ihr Übriges. Big Thief zeigen: Man muss das Rad nicht neu erfinden, wenn man es so stimmig ins Rollen bringen kann.
5 von 5
(bejblog)

CD-Check April 2016


Neko Case, K. D. Lang, Laura Veirs
Case/Lang/Veirs“ (Anti Records)
Schlicht selbst betitelt haben die drei formidablen Musikerinnen Neko Case, K. D. Lang ihre erste musikalische Kollaboration. Das Selbstbewusstsein ist angebracht. Ihr Singer-Songwriter-Folk klingt vielschichtig (mit Streichern, Horn, Pedal Steel, Drums, Gitarren, Piano), warm, träumerisch. Etwa im wunderbar mit Cello begleiteten Song „Blue Fires“, der an das großartige Album „July Flames“ von Laura Veirs erinnert. Die drei Stimmen vereint, ergeben ein starkes harmonisches Fundament, auf dem mal die eine, mal die andere Soloparts übernimmt. Wunderbar auch das schleppende, soulige „Why Do We Fight?“. „Georgia Stars“ punktet mit treibenden Drums und dunkel twangender Gitarre. Wunderschön der Dreiklang der Stimmen im sehnsüchtigen „Greens Of June“. Mehr kann man nicht wünschen.
5 von 5

Laura Gibson
Empire Builder“ (City Slang)
Auch sie hat eine Stimme, die man nicht so schnell vergisst: warm, klar und mit einem speziellen Timbre. Laura Gibson ist eine Musikerin, die ihren Sound auf Folktraditionen aufbaut, aber dabei nicht stehen bleibt. Auf ihrem neuen Album setzt sie auf prägnantes Songwriting, zu dem auch mal eine verzerrten E-Gitarre gehören kann, genauso wie eine Pedal Steel oder verwunschene Streicher-Arrangements. Unterstützt wird Gibson von Gitarrist Dave Depper (Death Cab for Cutie) und Drummer Dan Hunt (Neko Case). Herausgekommen ist ein wunderschönes Stück Musik. Frühlingsleicht, ohne ein Leichtgewicht zu sein.
5 von 5

Night Moves
Pennied Days“ (Domino Recording)
Poppig bunt wirkt das Cover des Albums „Pennied Days“. Poppig bunt klingen auch die Songs, zumindest aufs erste Hören. Hinter dem eingängigen Eindruck, mit Gitarren mit viel Hall, sonnigem Gesang und Piano, scheint aber eine weitere Ebene auf, die eher ins Psychedelische weist. Die Folkiges und Retro-Rockiges einpflegt in die Pop-Oberfläche der Songs, die davon handeln, seinen Weg zu finden. Night Moves, 2009 von zwei Schulfreunden gegründet, nennen Musik von Bob Dylan bis Daft Punk als Vorlieben. Nach dem Debüt „Colored Emotions“ zeigen sie sich mit dem Zweitling weiterhin offen für Entwicklungen.
3 von 5

Brass Bed
In The Yellow Leaf” ( Modern Outsider)
Der Name des vierten Album der Band Brass Bed leitet sich ab von einem Essay des US-amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson. Die Musik von Brass Bed aus Lousiana ist dynamischer, sich oft ins Disharmonische steigernder Songwriter-Indie-Rock. Die Stimme von Sänger Jonny Campos klingt meist schmeichelnd sanft und hell, ein Gegensatz zu dem gerne ins Noisige kippenden Sound, wie etwa im Song „“More Than You Can Imagine“. Atmosphärisch düster kommt das schleppenden „Yellow Bursts Of Age“ mit verzerrter Gitarre daher. Famos, das rhythmisch vertrackte „Figure It Out“. Eine spannende Angelegenheit.
4 von 5
(bejblog)

14.11.2016

THE JIMI HENDRIX EXPERIENCE in punky mono

THE JIMI HENDRIX EXPERIENCE
are you experienced?
(Barclay, französisches Reissue von 1971, Mono Mix)

Giftig, noisig, direkt. Hätte nicht gedacht, dass mir Jimi Hendrix nochmal soviel Spaß machen würde, aber dieser laute, aufgekratzte Mono-Mix auf Barclay ist so fernab von aufgeräumt und transparent, dass auch ich jetzt endlich mal so richtig voll auf meine drecklärmigen Kosten komme. Eine Ohrfeige für Ohren, die sich nach wohlgeordneter Klangwärme sehnen. Die Experience war einfach seine beste Band, die drei waren auf gleicher Höhe und haben eine Art Überfallkommando des Rock'nRoll gebildet. Hendrix hier noch ungeheuer konzentriert, ökonomisch und mit leichter Hand inszeniertem Kontrollverlust. Man kann sich nie sicher sein, ob alles weiterhin zusammenhält oder im nächsten Augenblick explodiert. Er spielt noch fernab vom Käfig des Superstardoms, den ihm sein Publikum wenig später bauen sollte, indem es sogar sein Stimmen der Gitarrensaiten bejubelte.

Platte kommt im extraöden Barclay-typischen Exklusiv-Cover:


HAINO/ O'ROURKE/ AMBARCHI geweingläsert

HAINO/ O'ROURKE/ AMBARCHI
now while it's still warm let us pour in all the mystery
2013

Keiji Haino ist ein Performance-Gott an der Gitarre und an allem anderen, mit dem er seinen Lärm gestaltet. So auch auf Folge 4 seiner Impro-Platten mit Jim O'Rourke und Oren Ambarchi, "Now While It's Still Warm Let Us Pour In All The Mystery".


Diesmal sind auf dem ersten der sechs Tracks sogar zwei Gäste dabei - am Weinglas. Zusammen wird dort dann zu fünft geweingläsert, während Hainos helle Stimme all die Mysterien in das wimmernde Glas füllen darf, die der Albumtitel verspricht. Dann wieder scheut er sich nicht, an der Schamanenflöte zu glänzen. Natürlich sind auch die noisigeren Exkursionen wieder dabei, wo sich aus Bass (O'Rourke) und Drums (Ambarchi) bisweilen krautig-motorische Backgrounds entwickeln, über die dann Haino seine scharfen Krachkanten auf der E-Gitarre kerbt.




10.11.2016

CD-Check Februar 2016


Animal Collective
Painting With“ (Domino Records)
Es piepst und orgelt, stampft und gluckert, wie Kinderspielzeug in den Händen von Erwachsenen, von sehr kreativen Erwachsenen. Popbunt und psychedelisch kommt das neue Album von Animal Collective „Painting With“ daher. Synthesizer legen schnelle Rhythmen unter den Opener „FloriDada“, wie ein Kaleidoskop fächert sich der mehrstimmige Gesang im Stück „Lying In The Grass“ auf. Ist es Pop? Ist es Elektronik? Ist es Psychedelic? Ist es auf jeden Fall, und zwar alles drei. Die New Yorker Band erweist sich – einmal mehr - als bunte Wundertüte. Aufgenommen wurden die immer wieder überraschenden, hochgeschwinden Songs in den East West Studios in Hollywood, in denen auch die Beach Boys gearbeitet haben. Ein Trip.
4 von 5

Birds Of Chicago
Real Midnight“ (Five Head Entertainment/Cargo Records)
Ihre Musik sei „weltlicher Gospel“ sagen die beiden Macher der US-Band Real Midnight, J.T. Nero und Allison Russell. Er schreibt die Songs, sie übernimmt meist die Frontstimme, auch im wahren Leben sind die beiden ein Paar. Weltlicher Gospel, kann es das geben? Was die Intensität ihrer Musik angeht, auf jeden Fall. Stilistisch haben Birds Of Chicago keine Scheuklappen auf: Countryeskes steht neben Rockigem, Tanzbares neben Meditativem. Und Soul hat es sowieso jede Menge, wenn Allison Russell ihre warme, strahlende Stimme erhebt, getragen von einem formidablen Background-Chor. Geschmückt durch den Sound einer Sixties-Orgel, genauso wie durch Steel-Gitarre, Banjo, Piano oder Blues Harp. Wunderschön.
5 von 5

Your Friend (Domino Records)
Gumption“
Sie lässt ihre Stimme schweben, dazu hallt und braust es, geloopte Sounds scheinen auf und verschwinden wieder. Your Friend, dahinter steckt die junge US-Musikerin Taryn Miller, die mit „Gumption“ ihr Album-Debüt vorlegt. Miller schickt einen durch verrätselte Sound-Landschaften, unternimmt ambientige Forschungsreisen durch den Äther. Zeitweise fühlt man sich an den Altmeister Brian Eno erinnert. Die studierte Musikerin Miller spielt selbst die Gitarre, Bass, Drums, Synthesizer und bedient Loop-Station und Tonbandgerät, hat aber auch noch ein paar Gastmusiker an ihrer Seite. Trotzdem: Auf die Dauer ist das Ergebnis – besonders der Gesang – einfach zu eintönig geraten.
2 von 5

(bejblog)

Vom wahren Wert oder Warenwert des Punk

Dass irgendwann alles, was mal sperrig und widerständig war, vom Mainstream geschluckt, durchgekaut, gründlich verwertet und wieder ausgespuckt wird, ist nichts Neues. Rock ´n ´ Roll gibt es heute als Freizeitsport an der Volkshochschule, Hippie-Schick kann man im Kaufhaus von der Stange erwerben, und in bunten Magazinen wird über den passenden Style zum Opern-Air-Festival referiert. Underground – war da mal was? 

In Englands Hauptstadt wird zurzeit das Jahr 2016 als ein besonderes „Event“ begangen, das sich unerschrocken „Punk London“ nennt. Daran beteiligt sind u.a. das Museum of London, aber auch viele andere Unterstützer wie der Bürgermeister der Stadt. Untertitel: „40 Jahre subversiver Kultur“. Ein Jahr der „Events, Talks, Filme, Ausstellungen und mehr...“. Da bleibt kein Auge trocken. Auf der Homepage sieht man einen alternder Irokesen-Träger, der es in Schlips und Kragen scheinbar zum Ordner bei den Festivitäten gebracht hat. So hat zumindest ein Veteran noch etwas von der Sause. 

Natürlich ist es wünschenswert, dass auch die Popkultur reflektiert und gefeiert wird. Ein komischer Nachgeschmack bleibt trotzdem, wenn sich plötzlich alle in den Armen liegen. Und so kann man es durchaus verstehen, dass sich Joe Corré kritisch zu dem Feierjahr äußerst. Hat er doch als Punk-Kind seiner Eltern, der Modeschöpferin Vivienne Westwood und des Musikmanagers Malcolm McLaren, einiges erlebt und einstecken müssen. Dass der Punk heutzutage von der Gesellschaft gefeiert wird, die seine Protagonisten früher gejagt hat, wie er sagt, macht ihn sauer. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung, und nicht nur da, kündigte er an, am 26. November seine Sammlung aus Punk-Devotionalien zu verbrennen. Testpressungen von Platten, Kleidungsstücke, Grafiken – alles ab ins Feuer. Ein Wert von fünf Millionen Pfund. Ein Aufschrei folgte. Johnny Rotten, Sänger der Sex Pistols, von dem eine olle Hose im Portfolio sein soll, war not amused.

Joe Corré, eigentlich Joseph Ferdinand Corre, ist selbst Modeschöpfer und hat das Unterwäsche-Lable Agent Provocateur gegründet. Mit seiner Aktion will er den Blick auf den wahren Wert der Dinge lenken - oder auch auf den Warenwert. Denn, dass der Aufschrei angesichts seiner Verbrennungsaktion so heftig ausfiel, liegt nicht zuletzt an der bezifferten Summe seiner Sammlung: fünf Millionen Pfund! Doch die – so verriet Corré – hat er frei erfunden. Die entstandene Publicity gibt ihm Recht. Ohne die Millionen-Vernichtung wäre wohl kaum so aufgeregt berichtet worden. Dass der Termin der Verbrennung seiner Punk-Sammlung mit dem Titel „Burn Punk London“ ebenfalls auf der Homepage des Events „Punk London“ angekündigt wird, ist da nur eine weitere irre Volte des Ganzen.

(bejblog)

08.11.2016

THE JIMI HENDRIX EXPERIENCE kanalwanderungen






The Jimi Hendrix Experience – Electric Ladyland (Barclay, F, Reissue von 1971)


Diesmal kein Mono, aber von der Richtung her schon ein bisschen, denn die teilweise extremen Stereosoundwanderungen zwischen den Kanälen, wie ich sie für „Electric Ladyland“ in Erinnerung habe, sind hier mehr in die Mitte gerückt. Das hat auch schon Julian Cope irgendwo mal erwähnt. Vielleicht ist Barclay zu der damaligen Zeit deswegen so verfahren, um das Album für Mono-Abspielgeräte kompatibler zu machen, denn die vier Seitenlabel sind alle als „Mono-Stereo“ ausgewiesen. Ich empfand „Electric Ladyland“ tatsächlich bisher teilweise etwas merkwürdig auseinandergezogen, als wären vakuumierte Räume im Sound eingeschlossen, taube Areale, als wäre da etwas unvorteilhaft aus dem Ruder gelaufen oder konnte nicht Schritt halten mit den Vorstellungen von Jimi Hendrix, der ja hier erstmals größere Kontrolle auf die Produktion ausüben konnte. So empfand ich auch den Bass manchmal wie einen Hohlkörper. Ich hatte das Album allerdings auch sehr lange nicht gehört und kannte es nur von einem Reissue, das einem Freund gehörte. Kann mich also auch täuschen.

Hier jedenfalls auf diesem Barclay-Reissue von 1971 ist der Sound ganz wunderbar. Nicht in der Art wunderbar wie der punkige Barclay-Monomix von „Are You Experienced“, aber das ist auch klar, weil sich „Electric Ladyland“ aus Studio-/Live-Aufnahmen zusammensetzt, denen unterschiedliche Umstände zugrunde lagen. Eben nicht nur aus dem rauen Guss einer Dreierbesetzung erspielt, sondern verschiedene Aufnahmesituationen und Gastmusiker reflektierend. Hier kommt alles klar, druckvoll und ohne merkwürdige Raumlöcher. Der Bass ist fühlbar präsent, alles fügt sich ein und entfaltet seine Macht.

Tracks, in denen ich bisher eher schwache Teile hörte, werden plötzlich viel besser: „1983“ klingt nun für mich in dem längeren Mittelteil, wo vordergründig eigentlich nicht viel passiert, plötzlich wie ein pränataler Postrock-Traum, wo sehr behutsam mit wenigen Parts eine sehr subtile Spannung aufgebaut wird. Und wer immer noch behauptet, Hendrix sei natürlich ein fantastischer Gitarrist aber ein mittelmäßiger Sänger gewesen, der solle sich doch bitte mal den Gesangspart von „1983“ anhören. Hendrix betritt hier mit seiner Stimme Areale, in denen ich mich gleichzeitig an Curtis Mayfield und Skip Spence auf „Oar“ erinnert fühle. Vertreter also, die nicht mit Gesangskunststücken glänzen, sondern Augenblicke kreieren, in denen sich plötzlich etwas öffnet in der eigenen inneren Tiefe.


Ein paar Merkwürdigkeiten noch als Ergänzung:
– Zwischen „Have You Ever Been (To Electric Ladyland)“ und „Crosstown Traffic“ ist eine etwa 12-sekündige, etwas verwirrende Pause

– Die Songs sind teilweise optisch in der Rille nicht separiert:
Seite 1: „And The Gods Made Love“ und „Have You Ever Been“ sind zusammengeschweißt, dann gibt es eine Abgrenzung (nach der 12-Sekunden-Pause) zu „Crosstown Traffic“, das wiederum von „Voodoo Chile“ nicht abgegrenzt ist.
Seite 3 ist komplett ohne Abgrenzung

– Teilweise sind die Zeitangaben falsch, wahrscheinlich eine Folge der fehlenden Separierung

– Anderes Cover:
War wohl so üblich bei Hendrix-Veröffentlichungen auf Barclay. Die Erstpressungen bekamen andere Cover, und die über die Jahre veröffentlichten Reissues bekamen teilweise nochmal wieder andere Cover. Nicht unbedingt immer schlechtere. Ich finde die Cover-Version mit der Riesenhand, die das kleine Hendrix-Bild an den unteren Coverrand drückt, gar nicht so übel, bringt man sie mit der Rückseite zusammen: Vom Druck befreit schwebt das Bild dort wie eine Feder empor. Eine Freiheitsmetapher zur Bürgerrechtsbewegung? Hergeholte Überinterpretation?