14.01.2019

LET IT BLEED zum Fünfzigsten

The Rolling Stones – Let It Bleed (1969)

War ich bei „Beggars Banquet“ eher mal einer der letzten, die zum Fünfzigsten gratuliert haben, möchte ich bei „Let It Bleed“ der erste sein. Obwohl es natürlich noch etwas früh ist, denn „Let It Bleed“ erschien ja erst später im Jahr, nämlich im Dezember 1969. Angedacht war der Juli, dann aber wartete man doch noch die US-Tour ab. Vielleicht dachte Jagger ja zudem, das Plattencover würde sich in der dunklen Jahreszeit besser machen, wie er ja bescheuerterweise auch dachte, er müsse warten, bis es in Altamont dunkel ist, bis seine satanischen Seidenklamotten zur Geltung kommen. Wir wissen alle, wie dunkel es in Altamont dann wirklich wurde.



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1. Gimme Shelter

Jagger singt gut, aber die Clayton ist ganz groß. Das könnte eine sehr emanzipatorische Geste von ihm gewesen sein: Als ein Sexismen und Machismen nicht abgeneigter Mann nicht nur zuzugeben, Schutz zu suchen, sondern diese Schutzsuche auch noch von einer ebenbürtig positionierten Frau mitsingen zu lassen, die einiges mehr an Soul-Power in der Stimme hat. Die Beatles wirkten dagegen zu der Zeit wie ein reiner Männerverein, der sich von einer Frau bedroht fühlte. Vielleicht konnte Jagger seine eigene Schutzsuche aber auch dadurch wieder relativieren, indem er eine ebenfalls Schutz suchende Frau an seiner Seite platzierte. Das könnte man ihm wieder anti-emanzipatorisch auslegen, so als dürften Männer alleine keine Angst haben. Ich finde aber, der Song hat ein gutes Gleichgewicht der Geschlechter gefunden. Jagger nimmt sich mehr Raum, aber Merry Clayton nutzt ihren im Gegenzug besser aus, weil sie eben einfach die überwältigendere Singstimme hat.

Mit „Let It Bleed“ begann dann auch die Phase, wo die Stones ihren Sound erweiterten, indem sie sich Hilfe von Außen holten, andere Musiker in ihr Bandkonzept einfügten. Sei es die Einbindung von Bläsern, Chören, Old Time-Elementen, Ry Cooder oder eben Merry Clayton. Es waren gute Entscheidungen, die da getroffen wurden. Diese Einbindungen gingen vorher sicher auch schon vonstatten, aber beim Vorgängeralbum „Beggars Banquet“ schien mir die Neuerfindung der Stones als zusammenstehende Band nach ihrem recht planlosen (aber nicht uninteressanten) psychedelischen Herumgeeier doch im Vordergrund zu stehen. Sie mussten sich erst wieder einen Sender bauen, weil sie sich vorher etwas versendet hatten. „Let It Bleed“ öffnete sich dagegen mehr in Richtung Erweiterung der Möglichkeiten durch zusätzliche Mitstreiter. Das spiegelte sich auch in der Produktion: Weniger dicht gedrängt die Kerngruppe stärkend wie bei „Beggars Banquet“, dafür expansiver, offener, zur Teilhabe einladend.

Nochmal im Speziellen zu „Gimme Shelter“: Ich kann mich eigentlich kaum an einen Song erinnern, bei dem Charlie Watts an den Drums sitzt, der so swingt und treibt, so elastisch und elegant wirkt, obwohl der Beat eigentlich relativ behäbig ist. Daran kann man immer gut eine tolle Rhythmusarbeit erkennen: wenn es schneller wirkt, als es ist, man als Hörer das Rätsel aber nicht lösen kann, warum eigentlich. Ähnlich gut wie „It's Only Rock'n'Roll“ (der Song), aber da war ja auch nicht Watts an den Drums.
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2. Love In Vain

Ich dachte lange Zeit, Mick Taylor würde die Slide spielen, dabei ist es Keith Richards. Vielleicht steht sie deswegen so im Ton, ohne Firlefanz zu machen. Wie es sich eben ergibt, wenn die Sehnsucht sehr direkt einfach da ist, immer und unveränderlich immer gleich schlimm. Da darf eine Slide keine Schnörkel spielen. Jedenfalls eine außerordentlich gute Leistung an der Sehnsuchtsgitarre. Wie überhaupt hier alles großartig ist. Jagger in echter Leidensform, Watts sehr präsent, aber nichts erdrückend, die Mandoline von Ry Cooder. Perfekt, bewegend, lyrisch. Und an dieser Stelle sowieso ein Extralob an Richards, der für Let It Bleed die allermeisten Gitarrenparts alleine wuppen musste und das mit Bravour löste. Ich möchte keinen seiner Beiträge auf dem Album von einem Schönerspieler zugrundeverschönert hören. Insofern ein Glück, dass Mick Taylor noch keinen großen Anteil am Bandgefüge hatte. Womit ich seine späteren Leistungen für die Band nicht schmälern möchte.
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3. Country Honk
 
„Country Honk“ gelingt es, eine Old-Time-Fiddle richtig gut klingen zu lassen, was beileibe keine Selbstverständlichkeit ist. Eine fiddelige Fiddle kann manchmal nämlich echt ganz schön nerven. Selbst auf über jeden Zweifel erhabenen Zusammenstellungen wie Harry Smiths „Anthology Of American Folk Music“ oder diversen Alben auf American Folkways nerven Fiddle nicht zu knapp. Es ist nicht ihre kratzige, raue Drone-Wirkung, die nervt (im Gegenteil, diese Wirkung begrüße ich), sondern die Penetranz, mit der sich auf einigen Old-Time-Tracks die Fiddle Alphatier-mäßig in den Vordergrund fiddelt. Tatsächlich gibt es in der Old-Time-Musik den Begriff des „Alpha Fiddlers“. Allerdings ist es auf „Country Honk“ bestens gelungen, die Fiddle melodiös und treibend zugleich zu machen, ohne dass sie das Gesamtbild über Gebühr dominiert. Der ruffe Fiddle-Charme ist zwar dafür rundgeschliffen worden, aber in diesem Fall war das eine sehr gute Entscheidung.

Insgesamt ist „Country Honk“ ein lustiger Haufen primitiver Folkmusik, gespielt von Menschen, die nicht so genau wissen, ob sie einen lustigen Haufen primitiver Folkmusik wirklich spielen dürfen, ohne sich gleichzeitig über sie lustig zu machen. Das alte Problem von Jagger, wenn er sich an Countrymusik-Spielarten versucht: Er muss immer ein ironisches Hintertürchen einbauen. Selbst bei „Dead Flowers“ auf „Sticky Fingers“. Es zeigt aber umgekehrt auch, dass er das Thema durchaus sensibel angeht und um seine Unsicherheit darin weiß. Einige der besten Stücke der Stones sind aus diesem Country/Folk-Umfeld entstanden. Auf „Steel Wheels“ leider auch ein ungeheuer schlechtes, soweit ich mich erinnere.
****1/2


4. Live With Me

Frühes Beispiel der „Ragged Company“-Phase - wie ich sie mal nennen möchte - in der sich die Stones ab „Beggars Banquet“ bis einschließlich „Exile On Main Street“ öfter gefielen: Sich als Teil der abgerissenen Gesellschaft inszenierend, innerhalb derer immer mal wieder wahlweise die Teilhabe, Romantisierung, die harten und die Schattenseiten abgefragt werden. Bei „Live With Me“ geht's um die Teilhabe („Don't you wanna live with me?“). Die streunende Katze des Bettlerbanquetts ist erwachsen geworden, sie wird jetzt nach eigenen Entscheidungen gefragt. Zum Beispiel, ob sie dem ganzen unaufgeräumten Muff abgerissener Typen wirklich freiwillig ihr Leben widmen möchte.
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5. Let It Bleed

Nur in den Titelsong, in „Midnight Rambler“ (als Symbol des Bösen) und jeweils einen Vers von „You Can't Always Get What You Want“ und „Monkey Man“ konnte man noch den Satanistenquatsch hineininterpretieren, dem Jagger eine zeitlang anhing. Auf „Monkey Man“ wird sogar wieder relativiert: Wir wollen doch nur den Blues spielen! Schade, dass Jagger den Quatsch wenig später für Altamont wieder aufkochte und sich in seiner Eitelkeit nicht entblödete, den Auftritt so lange hinauszuzögern, bis die Nacht anbrach, damit seine doofen Teufelsklamotten besser zur Geltung kamen. „Let It Bleed“ als Song ficht das nicht an. Gutes Akustikgitarrengerüst, in das Ian Stewart ziemlich bestimmt seine Tasten schlägt. Die wiederkehrende Zeile „We all need someone ...“ kehrt mir ein bisschen zu oft wieder und bremst den Track etwas unvorteilhaft aus. Gute treibende Wendung dann aber zum Ende hin, ein paar kompositorisch gelungene Schlenker in der Mitte. Auch die E-Gitarre ist schön sparsam und manchmal auch schneidend eingesetzt. Ein guter Abschluss einer nahezu perfekten ersten Plattenseite.
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1. Midnight Rambler

Einziger Track für mich, der unvorteilhaft gealtert ist. Zum einen, weil mein Bedarf an psychopathischen Serienmördern in dieser an Krimkrimkrimis mit psychopathischen Serienmördern übersättigten Zeit vollkommen gedeckt ist und ich wirklich nicht noch "Bostonblut" brauche; zum anderen, weil ich nicht undedingt zwingend jubelnd am Straßenrand stehe, wenn ein Mundharmonikaspieler des Weges kommt; zum dritten, weil mich das midnightramblerische musikalisches Motiv und dessen ausgewalzte, eher unspannende Umsetzung auf „Let It Bleed“ mittlerweile langweilt. Meinetwegen ist „Midnight Rambler“ noch spannend, wenn sie's live so runterrocken wie auf „Get Yer Ya Ya's Out“, aber mit dieser Version hier bin ich durch. Im Moment zumindest.

„Get Yer Ya Ya's Out“ wird übrigens auf Lärmpolitik keiner ausführlichen Behandlung angedeiht gelassen. Von ein paar einsamen Höhepunkten abgesehen (zum Beispiel „Love In Vain“ oder eben „Midnight Rambler“) lässt mich das dortige Live-Geschehen ziemlich kalt. Wenn die 69er-Tour so tolle Auftritte beinhaltet hat, warum hat die Band es dann nicht gebacken bekommen, ein einziges dieser angeblich so mitreissenden Konzerte zu dokumentieren, ohne dass Jagger sich nachträglich noch Gesangspassagen im Studio einzusingen genötigt sieht, oder sonstwie an den Aufnahmen per Overdub herumgespielt wird? Aber solch nachträgliches Herumgefummele ist ihm ja auch später nicht auszutreiben gewesen. Ich erinnere mich an ein Reissue von „Some Girls“ als Doppel-CD mit Bonustracks, die Jagger dann Jahrzehnte später noch gesanglich aufpoliert hat – mit übertrieben pronounziertem Gesang, wie er sich ja immer mehr in seinen Stil eingepflanzt hat im Laufe der letzten Jahrzehnte. Keine gute Idee. Doppel-CD wurde wieder secondhand verkauft, ohne dass Tantiemen geflossen sind. Nehmt das, Stones!
***1/2


2. You Got The Silver

Richards erster Song als alleiniger Sänger ist seit jeher einer meiner liebsten der Stones. Den Richards-Gesangsbonus, den ich immer vergebe, brauchts hier gar nicht. Falls man mich mal singen hören möchte, dann bietet sich manchmal die Gelegenheit an einer roten Ampel in Schleswig-Holstein, wenn ich im Auto diesen Song mitsinge. Das ist nämlich auch gut an Richards: Was er singen kann, das können die meisten Menschen tonlagentechnisch auch singen, selbst wenn sie sonst nicht singen können. Wahre Folkmusik.
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3. Monkey Man

Atemberaubend magischer Anfang, bei dem ich es immer etwas schade finde, dass da dann irgendwann so reingerockt wird. Das dann aber wieder sehr gut, insofern ist alles verziehen. Richards findet hier feine knappe Gitarrenfiguren, die sich harmonisch nicht schnell auflösen. Watts Drumsound ist wieder großartig, wie auf der ganzen Platte. Jagger kehrt die spießig-rassistische „Affen“-Metapher, mit der sich Langhaarige zu der Zeit öfter konfrontiert sahen, ins Gegenteil um und feiert sein Affendasein. Ich kann das nur unterstützen. Jeder sollte sich glücklich schätzen, ein Affe zu sein. Ich glaube ja, „Monkey Man“ und „Live With Me“ haben ihren Ursprung in der „Their Satanic Majesties Request“-Zeit erfahren, komme darauf aber vielleicht nochmal zurück, falls ich besagtes Album Track-By-Track einmal durchnudeln sollte. Den halben Punkt Abzug gibt es nur, weil ich gemerkt habe, dass ich doch nicht so ganz verzeihen kann, dass sie den Anfang nicht weiter ausgebaut haben. Sie hätten eine Symphonie daraus machen sollen.
****1/2


4. You Can't Always Get What You Want

Im Prinzip kumuliert hier nochmal alles in besonders blendender Form, was „Let It Bleed“ ausmacht: Die Einbeziehung auswärtiger Kräfte wird großartig verknotet mit einer Songidee, die in diesem Fall aus einem Zwei-Akkord-Gerüst auf der Akustikgitarre besteht, das den ganzen Song durchzieht und das kaum merklich mit knappen Funkeinsätzen auf der E-Gitarre verknüpft wird. Al Kooper brilliert an Waldhorn, Piano und ungreifbar fließfähiger Orgel. Jimmy Miller (und nicht Charlie Watts) spielt die vielleicht schönsten, vollkommen leicht und kraftvoll den Beat umspielenden Drums der Stones-Geschichte. Jagger glänzt mit beeindruckender Gesangsleistung und episodisch angerissenen Rätselversen, die sich von/über/mittels Drogen von kirsch- nach blutrot verfärben, ein paar Charaktere anreißen und dabei sicher ihre Inspiration von diesem Typen drüben aus Duluth bezogen haben. Der Bach-Chor erhaben und treibend. Die Bongos addieren großartig einen Gegenbeat. Produzent Miller knüpft hier eine gigantisch gute Textur. Ein siebenminütiges Paradebeispiel, wie Sound nicht in solistischen Einzeltaten, sondern in vertikalen Strukturen entworfen sein kann.
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Fazit:
Es gibt einige Gemeinsamkeiten beim Aufbau von „Let It Bleed“ und „Beggars Banquet“. Wobei es oft keine Parallelen sind, sondern vielmehr Fortschreibungen und Perspektivwechsel. Aus der spätpubertierenden Revolutionsfantasie eines Mittelklasse-Jungen aus relativ sicheren Verhältnissen wird der Ernstfall mit Vergewaltigung und Mord in unbehüteten Arealen. Der Flirt mit dem in guten Umgangsformen bewanderten Teufel springt um in die gar nicht mehr charmante Geschichte eines Massenschlitzers. Die streunende Katze, die nun ernster genommen wird, habe ich oben schon erwähnt. Mit „Love In Vain“ ist das zweite Kapitel geschrieben in der Blues-Trilogie der verlorenen Liebe, die mit „No Expectations“ begann und auf „Sticky Fingers“ mit „I Got The Blues“ endet. Die zweifelnde Country-Hochzeitsburleske „Dear Doctor“ wird durch die feierlaunige Country-Bar-Burleske „Country Honk“ ersetzt. "Jig-Saw Puzzle" und "You Can't Always Get What You Want" verbindet Struktur, Langstrecke und verdylanisierte Episoden-Lyrik.

„Let It Bleed“ ist eine überzeugende Weiterentwicklung von „Beggars Banquet“. Hin zu mehr Offenheit, auch hin zu einer gewissen majestätischen Größe im Soundentwurf. Auf „Beggars Banquet“ steckten sie die Köpfe zusammen, mit „Let It Bleed“ gingen sie erhobenen Hauptes vor die Tür.
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(Reihe wird fortgesetzt)

Bewertung: * (schlecht) - ***** (gut)

20.12.2018

BEGGARS BANQUET zum Fünfzigsten

The Rolling Stones – Beggars Banquet (1968)

Die Umstände unter denen „Beggars Banquet“ entstand, waren von ähnlichen Unsicherheiten geprägt, wie diejenigen zehn Jahre später bei „Some Girls“: Die Stones standen unter Druck, weil sie davor eher mal durchwachsene, etwas orientierungslose Arbeiten abgeliefert hatten. Vor „Beggars Banquet“ waren es „Between The Buttons“ und „Their Satanic …“ – recht schwache Alben im Vergleich zu dem, was andere genre-kompatible Bands im Zeitraum 1966/67 so abgeliefert hatten. Zudem stand der Verbleib des immer weiter abdriftenden Brian Jones auf der Kippe und wurde zunehmend eine Belastung. Mit der elektrischen/elektrisierenden „Jumping Jack Flash“-Single hatte die Gruppe zwar wieder zu neuer Stärke gefunden, aber die musste sie jetzt auch auf Langstrecke bestätigen. Und das tat sie auch – überraschenderweise mit einem Folkinstrumentarium, statt mit großem elektrisch verstärktem Aufwand.





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Sympathy For The Devil

Es fällt schwer, nach all den guten und nervigen Augenblicken, in denen ich diesen Song gehört habe, ihn noch halbwegs unbelastet zu beurteilen. Zu durchgenudelt erscheint er mir. Ich mochte ihn eigentlich immer gerne, wiewohl ich ihn nie in der allerobersten Etage des Stones-Oevres gesehen habe. Höhepunkt ist für mich ganz klar das mit glühender Klinge geschnittene E-Gitarren-Solo von Richards. Mit demjenigen auf „When The Whip Comes Down“ das beste Solo, was ich von den Stones kenne. Danach kommen dicht gefolgt meinetwegen noch ein paar Mick-Taylor-Soli, aber die sind eher Schönspieler-Soli, und ich ziehe nun mal in der Regel Soli vor, die auf Schönheit pfeifen, oder bei denen Schönheit nur zufällig nebenbei abfällt, aber nicht die Intention ist.

Ansonsten: Außergewöhnlich dichtes Gewebe aus Bongos, Bass und dem wieder von Nicky Hopkins traumhaft gut gespielten Klavier, das schon auf „Satanic“ für die ein oder andere Veredelung gesorgt hat. Jagger souverän bei Stimme und Modulation, sehr konzentriert, mir manchmal fast ein bisschen zu konzentriert. Aber er hat auch einiges an Text zu bewältigen und erledigt das druckvoll und dem Sujet entsprechend mit majestätischer Autorität. Mit „Sympathy For The Devil“ beginnt sich ein Spiel aus verschiedenen Blickwinkeln und Situationen zu entwickeln, einer Bühnenaufführung nicht unähnlich, daher vielleicht auch Jaggers konzentrierter Gesang, denn auch die letzte Reihe im Theater, die mit den billigen Plätzen für die Ärmsten, soll noch jede Akzentuierung mitbekommen.

Damit sind wir auch schon voll im Setting des Albums: Eine Burleske aus Dramen, Provokationen, Sehnsüchten, Verschlüsselungen und proletarischer Patina, aufgeführt in einem schlecht belüfteten, seine besten Tage gesehenen Theater, circa zu Zeiten der Industriellen Revolution gebaut und seitdem nur noch notdürftig renoviert. Ein äußerst instabiles Stromnetz ist vorhanden, wird aber aufgrund seiner Unzuverlässigkeit nur selten für die Beschallung genutzt. Stattdessen wird alle Elektrizität für die gerade mal ausreichende Beleuchtung benötigt. Auf der Bühne liegt ein alter Telefunken-Kassettenrecorder, an den ein kleines Mikro angeschlossen ist. Das Bühnenbild besteht aus zehn einfach zu transportierenden Tableaus, die schnell aufgebaut werden können, ohne dass der Vorhang dafür fallen muss. Die Illusion geht dabei vielleicht kurz flöten, aber es soll hier ja um eine Inszenierung gehen. Nicht nur ein Hauch von Brechtscher Brechung weht über die kleine Bühne. Ein parallel filmendes Kamerateam ist Teil der Aufführung und lässt der Band wenig Platz zum Ausbreiten, sie muss eng zusammenrücken. Das Publikum ist nicht zu vergleichen mit dem gesetzten Theater-Abo-Publikum, das heutzutage viele Spielstätten trägt. Hier, am Rand der Gesellschaft, ist es nicht gewohnt, still zu sitzen und tut es auch nicht. Langweilt es sich, beginnt es zu lärmen und zu poltern. Daher darf es auf der Bühne auch gerne mal ein bisschen derbe zugehen.

Der Opener „Sympathy For The Devil“ funktioniert gut als Einführung, um das ablenkungsanfällige Publikum aufhorchen zu lassen. Das ist wie bei „Macbeth“, das Shakespeare auch mit einem Knaller eröffnet, damit gleich mal alle Aufmerksamkeit der Bühne gilt. Treten in „Macbeth“ dafür die drei Hexen auf, um das Publikum buchstäblich in den Bann zu ziehen, ist es auf „Beggars Banquet“ der Teufel, der überraschenderweise um gute Manieren bittet und nicht ohne Stolz auf seine entscheidenden Taten verweist, die er aber postwendend an das Publikum zurückgibt („ … after all/ It was you and me!“). Soll sich keiner hier aus der Verantwortung stehlen! Nach diesem aufrüttelnden Beginn darf dann beim nächsten Titel gerne mal ein bisschen geschluchzt werden.
****1/2


No Expectations

„No Expectations“ ist der erste Teil der (Country-)Blues-Trilogie um Verlust und Schmerz und Hoffnungslosigkeit, die mit „Love In Vain“ und „I Got The Blues“ auf den darauf folgenden Platten fortgeführt wird. Während „I Got The Blues“ das Schwächste von den drei Guten ist, ist mir „No Expectations“ das liebste, weil es mit der klirrenden Slide eine Unwägbarkeit einbringt, die ich so beim ähnlich guten Nachfolger – „Love In Vain“ – nicht finde. Dort ist alles eher perfekt umgesetzt, Richards‘ Slide gräbt tief und warm und hält doch in jedem Moment ihren Ton. Hier auf „No Expectations“ jedoch steigen die Slide-Töne schrill und schmerzhaft, sie bauen sich spitz auf und gleißen rau und unberechenbar um die Noten herum. Brian Jones war einfach ein sehr guter – intuitiv sehr guter – Multi-Instrumentalist. Die Slide auf „No Expectations“ ist eine seiner besten Beiträge in seiner leider ja nur sehr kurzen Karriere.
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Dear Doctor

Country-Folk-Schunkler und launige Geschichte um einen armen Tropf, der die designierte Gemahlin gar nicht heiraten möchte und zur unerwarteten Erleichterung am Tag der Vermählung einen Zettel im Jacket findet, mit der Nachricht, die Hochzeit würde nicht stattfinden, sie sei mit seinem Cousin durchgebrannt. Krudes Anti-Happy-End-Happy-Ending also, das so vielleicht auch in den verruchteren Kneipen Nantuckets zwischen den Walfangtörns seine Runde gemacht hätte.

Zum damaligen Zeitpunkt weiß man noch nichts über Jaggers Probleme, Country oder Countryfolk zu singen, er deswegen immer eine Brechung reinbringen muss, weil er sich in dem Genre unsicher fühlt. Entsprechende Beispiele sollten erst noch folgen. „Dear Doctor“ erinnert musikalisch ein bisschen an „Sweet Black Angel“ vier Jahre später: Gut, aber auch etwas gleichförmig umgesetzt. Trotzdem unterhaltsam und von Jagger und Richards in einer Art Thekenbruderschaft gesungen.
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Parachute Woman

Nichts gegen gute Remaster, aber bei „Beggars Banquet“ ziehe ich meist meine olle 1970er LP-Pressung auf Deccas Zweitverwertungslabel Nova vor (nur echt mit dem kleinen, tanzenden Roboter im Logo, der das „Nova“-Schild vor sich her zeigt wie ein Nummerngirl). Der Sound der Akustikinstrumente wirkt bei Nova gedrängter und perkussiver als auf dem wirklich sorgfältig und vorsichtig aufpolierten LP-Remaster von 2003, das den Sound dafür eine Idee klarer und separierter bringt. Aber selbst diese kleine Veränderung reicht schon aus, den Perkussionseffekt auf „Parachute Woman“ abzumildern. Und damit verliert das Ganze wieder an Wucht. Man sollte nicht trennen, was zusammen gehört. Halten wir also einmal kurz inne und huldigen den Produktionskünsten Jimmy Millers, der eben genau erkannt hat, dass man den Sound ‚schlecht‘ machen und zusammendrängen muss, damit er durchschlagender wird. Low-Fi auf höchstem Niveau. „Beggars Banquet“ ist für die Stones, was äh, fast alle Alben von The Fall für The Fall sind: Ein Exempel des Guten im Schlechten, ein Argument für Hässlichkeit und gegen das Schöne. Ein Zeichen gegen die technisch größtmöglich machbare Optimierungspest. Insofern war Miller für die Stones ein absoluter Glücksgriff. Für mich hat er mit „Beggars Banquet“ seine wichtigste Produzentenleistung abgeliefert, egal welchen Sound er später noch aus muffigen Kellern herausgeholt hat.

Der Text von „Parachute Woman“ ist die Art Porno-Pop, die ein vergnügungssüchtiges Publikum mit kurzweiligen Zweideutigkeiten bei Laune zu halten versteht. Die Musik ein hemdsärmelig umgesetzter Rumpler, muskulös wie ein Hafenarbeiter mit Fallschirmdamen-Tattoo auf dem Oberarm, was man sich bildlich gut vorstellen kann, wenn man sich die entsprechende Fallschirmdamenzeichnung anschaut, die auf der Rückseite des Klo-Covers auf dem hafenarbeiteroberarmdicken Abflussrohr prangt. Watts schlägt seine Drums klatschend, als würde er auf voluminösen nassen Pappkartons spielen. Am Ende kommt nochmal eine sehr gute, langgezogene Mundharmonika, von der mir die Stones-Experten bestimmt sagen können, wer sie spielt. Ich tippe auf Jagger (und hatte Recht, wie mir eine spätere Recherche verriet).
Keith Richards zieht seine kurzen E-Gitarren-Kerben in den Song, wie sie so formvollendet zerstörerisch von ihm nur auf „Beggars Banquet“ zu hören sind. Für diese künstlichen, dekonstruierenden Stiche in die Herzen der Songgerüste gebührt ihm mein allergrößter Respekt, sie sind auf „Beggars Banquet“ neben der Kompression der Akustikgitarren die vielleicht größte sonische Errungenschaft. Diese kerbenden Schnitte sind mir letztlich lieber als der sichere Chuck-Berry-Riff-Kram, für den er immer so gelobt wird. Aber ich habe die Stones ja sowieso noch nie verstanden.
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Jig-Saw Puzzle

Jagger wirft ein paar kritische, leicht sozialromantische, szenische Brocken hin, in denen er sich und die Band gleichstellt mit anderen Gruppen, die an den Rand gedrängt werden – der ausgezehrte Landstreicher; die ausgestoßene Bischofstochter; der kleinkriminelle Gangster – und in die er versteckte Hinweise über das eigene Befinden einstreut: Die Verwirrung, wie Erfolg und Misserfolg eine Band aus dem Takt bringen kann, und wie schnell Jagger den (medialen) Löwen als Fressen diente. Daher geht Jagger auf Distanz, um sich und die Seinen („Me and my woman“) zu schützen.

Wahrscheinlich sind die Anfänge der Entstehungsgeschichte von „Jig-Saw Puzzle“ noch im geplanten und nur halbherzig umgesetzten Politsatire-Konzept von „Their Satanic Majesties Request“ zu finden. Ein weiteres Beispiel dafür, dass es auf „Beggars Banquet“ nicht um Authentizität geht, sondern um so etwas wie symbolische Fantasiecharaktere. Bei „Jig-Saw Puzzle“ entsprechend vielleicht um einen Gegenentwurf zu Sergeant Dingsbums: Stattdessen tritt ein abgerissener Uniformträger auf, der so tut, als wäre er aus einem Dickens-Roman desertiert und der ein paar Stones-Interna in seine Außenseitergeschichten einstreut.

Die Welt ist zwischen „Out Of Our Heads“ und „Beggars Banquet“ nicht einfacher geworden, daher breitet Jagger seine Beobachtungen wie Puzzlestücke aus, während er selbst es sich mit seiner Frau bequem macht, um dem irrsinnigen Treiben aus der Entfernung zuzuschauen. Nicht verwirrt und verstört, wie Dylans Mr. Jones, sondern als distanzierter Beobachter das Außenseiter-Image pflegend, das ihm und seiner Band von der Gesellschaft aufoktroyiert worden ist. Dass derselbe Außenseiter-Status den Stones allerdings auch – im Gegensatz zu Landstreichern, Kleinkriminellen und verstoßenen Bischofstöchtern – zu einigem Reichtum verholfen hat, verschweigt Jagger jedoch. Oder ahnt er bereits, dass die Stones aufgrund von Steuernachforderungen in naher Zukunft kurz vor der Pleite stehen werden?

Musikalisch findet der Song auf „Beggars Banquet“ eine sehr gute Umsetzung. Jagger bietet eine überzeugende Performance, er spielt mit dem Text, variiert und bleibt doch trotzdem immer in einem distanzierten Modus, der den satirischen Aspekt noch unterstreicht. Der Bass und der Synthesizer sind hier das Highlight – Props für Mister Wyman – und natürlich Nicky Hopkins Klavierarbeit, aber das muss man fast schon gar nicht mehr extra erwähnen. Richards schneidet nicht so scharf in den Song hinein und Charlie Watts gewaltige Drum-Breaks, die später auf der zweiten Seite der Platte zum Einsatz kommen, werden erstmal nur angedeutet. Das etwas verhaltenere Ganze passt aber eben auch deswegen sehr gut, weil es den Song ganz subtil ironisch unterspült. Besonders der Synthie ist da ausgezeichnet gewählt. Ganz zum Ende hin nimmt alles nochmal Fahrt und Aggression auf. Ich schmeiße alle Sterne in die Luft und rufe „Danke!“
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Das Bühnenlicht erlischt. Pause. Das Publikum begibt sich zum Tresen und verprasst seine Rente, ebenfalls mit lautem „Danke!“. Bis hierhin war es eine außerordentlich gute Vorstellung, man hat sich säuisch amüsiert, ein bisschen was über sich erzählt bekommen, über das Aussenseitertum, über die Stones, das Böse, die Hoffnungslosigkeit und den seltenen Umstand, dass sich ausweglose Situationen manchmal von selbst erledigen können.




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Street Fighting Man

“Street Fighting Man” ist vielleicht das dynamischte Stück Musik, das die Stones je zusammengepresst haben. Und das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass es abgesehen vom Bass gänzlich ohne elektrische Verstärkung auskommt. Denn es ist relativ einfach, mit elektrischen Gitarren ein Chuck-Berry-Riff rauszuhauen, sich von einem fähigen Drummer im Hintergrund antreiben zu lassen und Rock’n’Roll-Krach zu machen. Verlässt man sich aber zur Gänze auf akustische, unverstärkte Instrumente und kriegt trotzdem eine mitreißende Atmosphäre hin, dann ist der Effekt nochmal um einiges stärker, weil unerwarteter. Das ist das Geheimnis von „Street Fighting Man“ und eigentlich auch von „Beggars Banquet“ im Ganzen.

Vielleicht der einzige Moment, in dem Keith Richards sowas wie eine avantgardistische Soundidee hatte, war derjenige, als er seine Akustikgitarre über einen übersteuerbaren Cassettenrecorder laufen ließ und diesen verkrachten, gezwängten Klang zu nutzen verstand. Dadurch kam erst der gedrängte, auf Spannung und nahen Ausbruch angelegte Sound zustande, der „Street Fighting Man“ zu so einem tollen Stück macht, und an dem sich vermutlich Jimmy Miller orientiert hat, als er sich daran machte, das Sounddesign von „Beggars Banquet“ zu entwickeln. Jagger bietet eine der besten Gesangsleistungen seiner Karriere, indem er ein beängstigendes Grollen unter seine Stimme legt, das ich so nie wieder bei ihm gefunden habe. Watts schlägt einen ungemein trockenen, gnadenlosen Sound aus seinem kleinen Drumkit, aus dem man sicher auch eine stabile Barrikade bauen könnte. Das gesamte Arrangement ist ein Genuss an Aufbau und Wucht, noch verstärkt durch die Kompression der Akustikgitarre.

Der Text spiegelt die Zeit wider: Der Mittelklasse-Junge, der sich den Aufstand wünscht, aber doch nur in einer Rock-Band landet im schläfrigen London fernab der Barrikaden. Da muss wohl was dran gewesen sein in der Beschreibung der damaligen Londoner Atmosphäre: Auch Flüchtling Caetano Veloso – von der Verfolgung durch die brasilianische Diktatur ins Exil getrieben – empfindet die Stadt Ende der 1960er Jahre als so entspannt, dass er vor lauter Muße den Himmel nach Fliegenden Untertassen absucht. Wie würde es Veloso heute ergehen, stände er vor dem Eurotunnel Richtung England?
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Prodigal Son

Niemand glaubt ernsthaft, dass sich Jagger plötzlich zum frommen Christen gewandelt hat, nur weil er hier die Geschichte vom verlorenen Sohn in der Version von Reverend Wilkins zum Besten gibt. Tatsächlich geht ihm der Duktus eines Predigers auch gänzlich ab, wenn man mal vergleicht, mit welcher Inbrunst und Exaltiertheit die bekannte Geschichte aus der Bibel beispielsweise von Reverend Worrell 1926 unters Volk gebracht wurde. Stattdessen singt Jagger eher stilisiert, was bei Wilkins noch tief empfunden wirkt. Die musikalische Umsetzung der Stones lässt kaum Zeit zum metaphernreichen Nachdenken. Sie erzählt hart und schnell. Sie verweltlicht, während Wilkins Vorlage vier Jahre zuvor um einiges geschmeidiger und glaubensstärker geraten ist. Es ist eben auch damals schon immer ein Spiel mit Zeichen mitgeschwungen. Zeichen, die die Stones setzten und derer sie sich bedienten. Insofern hatte die Band – oder zumindest Mick Jagger – feine Pop-Antennen, selbst bei so einem schlichten Country-Blues wie „Prodigal Son“. Das hat sie damals davor bewahrt, in die Authentizitätsfalle vieler britischer Blues-Musiker zu tappen, die mit heiligem Ernst ihren Blues feierten (und dafür zurecht von John Lennon im „Yer Blues“ eins aufs Dach bekommen haben). Die Stones bauten doppelte Böden ein, die klarstellten, dass die besungenen Probleme nicht notwendigerweise die Probleme der Stones waren. Vielleicht war ihnen auch sowieso klar, dass es schon im alten Folk und Country-Blues oftmals gar nicht um das Besungene ging, sondern darum wie gesungen wurde. Charlie Patton ist sicher nicht mit Ehemännern aneinandergeraten, weil er so klagend und authentisch blueste, sondern weil er auch wusste, wie man während der Performance ganz direkten Eindruck auf die Damenwelt machen konnte. Insofern war Blues wahrscheinlich noch nie authentisch im Sinne von ehrlich und inhaltlich integer. Aber das ist ja alles altbekannt, auch wenn‘s vielleicht der ein oder andere Freund „ehrlicher Rockmusik“ vergessen haben sollte.

Musikalisch kommt bei „Prodigal Son“ wieder die Fähigkeit der damaligen Stones zum Tragen, akustisch und unverstärkt mitzureißen zu können, eine Aggression in die Struktur einzulassen, sogar wenn sie ihren Maschinenpark noch weiter reduzieren, als sie es beispielsweise bei „Street Fighting Man“ ohnehin schon getan haben. Miller produziert ihnen dafür einen enorm rhythmisierten Torso aus Akustikgitarren, ergänzt nur durch einen schnellen, supersimplen, beckenlosen Beat. Ich kenne wirklich keine Platte, in der Akustikgitarren auf so direkt angreifende Art und Weise versoundet sind wie auf „Beggars Banquet“. Auf andere, rohere Weise steht daher „Prodigal Son“ „Street Fighting Man“ in nichts nach, ist aber, wenn ich den Begriff hier mal verwenden darf, die coolere Aufnahme.
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Stray Cat Blues

Und dann, nach all der dominierenden Akustik, direkt nach dem vollkommen stromlos abgetakelten „Prodigal Son“, kommt sie im siebten Song des Albums doch noch bestimmend ins Spiel: Die Elektrik. Aber sie hat was gelernt von ihren sieben Vorgängerliedern: Sie hat nämlich gelernt, sich selbst akustisch zu verhalten, also nicht effektgeladen die normale Rock’n’Roll Show zu zünden aus einem Sicherheitsnetz an Verzerrungen und Effekten. Stattdessen unterstützt sie den Rest ökonomisch und ohne solistische oder Riffs ausstellende Sperenzien. Und da wo sie nicht nur untersützt, nutzt Richards sie, um wieder seine Hiebe und Schnitte zu landen, den Track mit weißen Noise-Ausschlägen aus dem Zeitschema zu lösen. Erstmals treten die gewaltigen Drumbreaks in voller Pracht auf, die Charlie Watts unter Einfluss von Drummer und Produzent Jimmy Miller einstreut – die dritte sonische Innovation des Albums neben Richards scharfen Klingen der E-Gitarre und dem perkussiven, zusammengedrängten Sound der Akustikgitarren.

Musikalisch ein toller Track, nervt mich aber der Text. Sex mit Minderjährigen willkommen zu heißen, wie es Jagger in den Lyrics andeutet, mag damals eine Provokation gewesen sein, mit der er die Ängste der Elterngeneration widerspiegelte, der musikalische und gesellschaftliche Aufruhr in den 60er Jahren würde die Jugend in die sexuelle Zügellosigkeit führen. Trotzdem spielt man mit diesem Thema nicht. In der Atmosphäre sexueller Offenheit haben sich tatsächlich viele Missbräuche von Minderjährigen abgespielt, auch prominente Beispiele unter Musikern sind darunter. Was teilweise allerdings erst Jahrzehnte später bekannt wurde. Ebenso wurde die damalige und auch notwendige Diskussion über die „sexuelle Befreiung“ von Pädophilen genutzt, ihre die Würde und Unversehrtheit der Opfer massiv verletzenden Neigungen in eine gesellschaftliche Normalität umzudeuten. Sowas kommt mir immer in den Sinn, wenn ich „Stray Cat Blues“ höre. Und das verhagelt mir auch etwas den musikalischen Genuss. Daher hilft es nichts, es muss mal wieder differenziert werden:
Musik *****. Text *.


Factory Girl

Nach aktuellem Wiederhören wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich „Factory Girl“ geografisch völlig falsch eingeordnet habe. Vor meinem inneren Auge spielt es sich immer in England in den 1950er Jahren ab. Dabei spricht Jaggers Gesang und die Fiddle eher für die USA. Wieder mal kann Jagger nämlich nicht davon lassen, mittels gefaketem amerikanischem Englisch einen Countryfolk-Song ironisch zu unterfüttern, als wäre es nicht schon ironisch genug, dass ein Millionär vor dem Fabriktor auf ein armes Arbeitermädchen wartet. Vergeblich wartet, übrigens. Im Gegensatz zu Song 2 Seite 1 aber diesmal mit Expectations. Daher wird auch kein Blues unterlegt, sondern ein ganz bezauberndes Folk-Gerüst aus der „Beggars Banquet“-Trademark-Schule für angewandte perkussive Akustikgitarren, entwickelt von Prof. Keith Richards, soundtechnisch realisiert von Prof. Jimmy Miller in Zusammenarbeit mit Dr. Glyn Johns. Des Weiteren im Team: die Hiwis Dave Mason an der zarten und hoffnungsvollen Mandoline, und Ric Grech, der eine hochmelodiöse, nur ganz dezent aufgeraute Violine spielt – beachtenswert besonders wenn man bedenkt, zu welch enervierendem Kratzen eine Violine fähig sein kann, wenn man es darauf anlegt, den unangenehmen Weg des Old Time Folks zu gehen. Watts spielt auf „Factory Girl“ Tabla mit Drum-Sticks. Eine Formverletzung, denn normalerweise werden sie nur mit den Händen gespielt. Ich weiß nicht, ob das in Indien ähnlich schlimm ist, wie eine Kuh von der Straße zu vertreiben, aber es addiert eine weitere Einzelheit zu den Soundinnovationen hinzu, die „Beggars Banquet“ ohnehin schon ausmachen.
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Salt Of The Earth

Das dritte und letzte Mal, dass auf „Beggars Banquet“ ein biblisches Motiv aufgegriffen wird. Das Album startet mit dem personifizierten Bösen und seinen verheerenden Einmischungen, macht zwischendurch die Kurve zum verlorenen Sohn und wie er und die Seinen sich durchs Leben schlagen, um am Ende in vollem Pathos, mit Chor und was sonst noch so dazu gehört, der „Masse“, dem „Salz der Erde“ zu huldigen. Ich muss da ein bisschen an Alex denken, der in „A Clockwork Orange“ biblische Motive als Tableau für die eigenen Fantasien benutzt hat, in Alex‘ Fall für die eigenen egomanischen Gewaltfantasien.

Ich vermute, das hymnenhafte, am Rande des Sozialkitschs lavierende „Salt Of The Earth“ sollte das Finale der ursprünglichen „Their Satanic Majesties Request“-Gesellschaftssatire werden, die dann aber doch nicht zu Ende gedacht und produziert wurde, und von denen Bruchstücke auf „Their Satanies“, „Beggars Banquet“ und „Let It Bleed“ verarbeitet wurden. Insofern wirkt der große Chor-Bahnhof und die salbungsvolle Gestik von „Salt Of The Earth“ vielleicht im ersten Augenblick etwas drüber, es passt nicht so recht zum erdigen Flow der Platte, klingt mehr wie der Endpunkt eines aufgeladeneren Konzepts, das dann aber doch nicht realisiert wurde.

Dann aber wieder passt es sehr gut, denn die Stones haben auf „Beggars Banquet“ eben nicht den Anspruch, authentisch zu sein, sondern spielen mit dem Instrumentarium der Pop-Kultur aus Behauptungen, Übertreibungen, Widersprüchen, verrätselten Bildern, Bigger-Than-Life-Gefühl und Superstardom. So tun sie auch hier nur so als ob, denn soweit ist es dann doch nicht her mit Huldigung und kritiklosem Wohlwollen für die Arbeiterklasse, dem „Salz der Erde“: Sie wird nur als diffuse Masse aus Grau, Schwarz und Weiß wahrgenommen, so wie sie sich dann eben auch als fremd und seltsam erscheinende „faceless crowd“ in den Konzerten darstellt. Der Trinkspruch auf die hart arbeitenden Leute niederer Herkunft („… hard working people/…/ … lowly of birth“) wird ausgehebelt, die so romantisch Besungenen sind letztlich nur fremdgesteuert, an der Nase herumgeführt von Halunken und Spielern. Dazu passt das Ende, das musikalisch immer schneller wird, bis sich die Glorie um das Salz der Erde in schwindeligem Strudel dreht, befeuert aus dem immer ekstatischer jubilierenden Boston Choir, Hopkins rasenden Klavierläufen und Watts mächtigen Drums. Wohin der Strudel die Massen trägt – nach unten zu den Spielern oder nach oben zum Erlöser - bleibt offen. Das Spiel jedenfalls ist aus. Und ich muss an „Shattered“ denken, wo Jagger zehn Jahre nach „Beggars Banquet“ im rücksichtslosen Wettbewerb der Nettigkeiten von Big Apple versinkt, während die restlichen Stones ihn sarkastisch mit einem öligen „Shattered Shooby Shattered“-Chor begleiten, bis er überschnappt. Die Welt hat sich nicht zum Guten gewandelt, die Haare werden mal länger und mal kürzer, das Smartphone sagt das Wetter voraus, wir treffen uns an den Mittelmeerküsten der EU.
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Und wie in einer guten Theater-Aufführung hat man in der zweiten Hälfte gar nicht mehr gemerkt, dass man im Theater war. Trotz herunterhängender Tapeten, abgewrackter Requisiten und dem Filmteam auf der Bühne war man drin und schaut erst wieder raus, als das Deckenlicht flutet. Waren wir selbst jetzt mit dem Salz der Erde gemeint, soll auf uns getrunken werden, oder trinken wir einfach selbst auf das Salz der Erde? Und da letzteres für alle irgendwie die beste Lösung scheint, trifft man sich nach einem kurzen Toilettengang noch zum Premierenbuffet.

Fazit: Die Qualität von „Beggars Banquet“ kam wie aus heiterem Himmel. Ich kenne kein anderes Album mit Schwerpunkt auf einem akustischen Folk-Instrumentenset, das so dermaßen durchschlagend produziert ist und gleichzeitig eine große Pop-Sensibilität zeigt. Obwohl man es vielleicht erst nicht heraushören mag, baut es aber unterschwellig in der Wahl der Instrumentierung auch auf seinem psychedelischen Vorgänger auf: Congas bei „Sympathy“; Sitar, Shehnai, Tamburica bei „Street Fighting Man“; Synthesizer und Mellotron bei „Jig-Saw Puzzle“; Mellotron und Congas bei „Stray Cat Blues“; Tabla und Conga bei „Factory Girl“. Alles Schatten, die einen Bezug zu „Their Satanic Majesties Request“ herstellen. Aber es wird auf „Beggars Banquet“ eben anders genutzt: Ökonomischer, weniger verspielt, dafür an Idee, Wirkung und Kontakt nach außen orientiert und nicht durch selbstvergessenes Gedaddel gestreckt und um sich selbst kreisend. „Beggars Banquet“ wollte kommunizieren! Die Stones gaben etwas preis von sich, kommentierten gesellschaftliche Vorgänge und reflektierten ihre auf unsicheren Beinen stehende Stellung darin. Ironisch feinfühlig, burlesk übertrieben und selbst noch in all der Akustik, die hier über der Elektrik steht, mit einer gehörigen Portion Wut und Aggression im Sound. Diese spezielle Mischung haben sie erfunden. Nachgemacht hat es ihnen niemand. Für mich gehört daher „Beggars Banquet“ neben „Some Girls“ – dem anderen Album der Stones mit einem unkopierten Sound – zu ihrer überzeugendsten Arbeit. Warum ich „Some Girls“ trotzdem vorziehe, werde ich hier auch noch verbraten.
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Bewertung: * (schlecht) - ***** (gut)

14.05.2018

PERE UBU apokalypse now

In den Weiten der Datenbank meines Receivers fand ich letztens einen Live-Mitschnitt von Pere Ubu von 1991: „Apokalypse Now“, der so ziemlich das Gegenteil von den beiden Ubu-Konzerten ist, denen ich beiwohnen durfte. Nämlich kommunikativ und gutgelaunt statt abweisend und erratisch. Was alle Konzerte gemeinsam hatten, war so etwas wie eine große bodenständige Macht, die von Pere Ubus Präsenz ausging, nur eben mit anderer Grundierung. „Apokalypse Now“ macht mir großen Spaß, lärmt auch mal lehrreich in Stooges-Manier, hommagiert Van Dyke Parks, ist vergleichsweise offen und hell. David Thomas kommuniziert mit dem Publikum aufs Liebste. Alan Ravenstine war damals schon nicht mehr dabei, stattdessen aber Eric Drew Feldman. Apokalypse now? Feels like heaven.

12.05.2018

DAVID BOWIE pinups (1973)


Spiel mit Identitäten. Im Bewusstsein, dass man einerseits nicht nur eine einzige Identität hat, sondern sehr viele in einem schlummern, andererseits der Kultur- und Kunstprozess nicht aus einem Individuum schöpft, sondern aus dem, was schon da ist: Vorherige Kunst, sozialer Kontext, Zitate und Überlagerungen. Roland Barthes rief in den 60ern den Tod des Autors aus. Dylan versuchte auf „Self Portrait“ einen Weg, sich selbst aus seinem Werk zu entfernen. Später auf der Rolling Thunder Tour 1975 malte er sich das Gesicht kreidebleich, als wäre er ein Toter. Oder ein Dylan-Darsteller in einem antiken Theaterstück. Bowie fächerte sich stattdessen in zig Identitäten auf. Sie landeten beide irgendwie zeitweise auf dem gleichen Weg damit: Nicht der Künstler schöpft aus einem abgegrenzten Selbst heraus, sondern er filtert das, was die Kultur ihm bietet. Vielleicht deswegen entschied sich Bowie, mit „Pinups“ ein Coverversionen-Album zu machen.

27.04.2018

CECIL TAYLOR conquistador!




CECIL TAYLOR
conquistador!
1966

Der Tod von Cecil Taylor und die anschließende Rezeption im Netz und in den Magazinen hat mich aufmerksam gemacht und mein Interesse geweckt, mich mal mit ihm zu beschäftigen. Ich konnte mich noch an eine Titelstory über ihn in der Wire erinnern, wo er auch ein bisschen unfaires Zeug zu Mick Jagger und den Stones gesagt hatte, aber ich fand es schon erstaunlich genug, dass so ein freier Jazz-Mann wie Taylor überhaupt Lust hatte, sich die Stones auf ihrer ersten US-Tour anzusehen. Ich las etwas über „Conquistador!“, Taylors Band-Platte von 1966, und beschloss, mir die mal zu besorgen. Bei Discogs gab es sie recht günstig bei einem Händler, bei dem ich eh noch andere LPs zu bestellen hatte, nämlich ausgerechnet was von den Stones („Black And Blue“) und weniger ausgerechnet was von Poly Styrene („Translucent“). Ich erwischte ein merkwürdiges Exemplar von „Conquistador!“, das aus einer deutschen tadellosen Pressung 70er-Jahre-Teldec-Pressung bestand, die aber in einer originalen US-Hülle steckte. Diese Version ist auf Discogs dokumentiert, offenbar ist da also jemand aus Deutschland an die Originalhüllen gekommen und hat sie einfach für diese Press-Version benutzt.

Ich hatte ein bisschen Angst vor den atonalen Clustern, von denen öfters im Zusammenhang mit Cecil Taylor geschrieben wird und war überrascht, wie direkt einen die Musik mitreisst, wie sie immer wieder den Hunger antreibt wissen zu wollen, wie es weitergeht. Cecil Taylos knallige Tastenkaskaden kamen mir schon beim ersten Hören unmittelbar gut, folgerichtig und vertraut vor. Vielleicht mein Rückhören seines Einflusses auf die Musik im allgemeinen? So weit von -ichsachma- Jerry Lee Lewis scheint mir das gar nicht entfernt zu sein.

Wenn man vom Rockgetöse kommt, leuchtet es unmittelbar ein, wenn einfach mal in die Tasten gebrüllt wird. Bammbamm bamm bammbammbamm. Ansonsten kann Taylor natürlich weitaus mehr, seine Klavierläufe können Lichtjahre überbrücken und gleichzeitig so subtil sein wie ein geladenes Elektron. Der Sound hat eine anthrazidene Färbung – ähnlich dem geheimnisvollen Coverbild – ist dunkel und etwas unscharf und verbasst. Mir gefällt das, weil eben dadurch nicht der Eindruck entsteht, als würde hier unter technisch optimalen Bedingungen einfach eine weitere Blue Note-Platte von Van Gelder routiniert in glanzvollem Sound bei einer gepflegten Tasse Kaffee serviert. Stattdessen legt sich feiner hartnäckiger Schmutz auf die Instrumente, wie auf die Umgebung eines stark befahrenen Zubringerknotens. Der Bass wirkt teilweise wie ein noch etwas bassigerer Ausschlag allgemeinen Gegrummels, das sich weigert, einen festen Ort einzunehmen. Sowas zieht magisch an. Cecil Taylor selbst hätte gerne noch etwas lauter abgemischt werden können.

Cecil Taylor und Andrew Cyrille würde man in „Pacific Rim“ einen Jaeger anvertrauen, so sehr handeln sie in ständigem Kontakt zueinander. Die Soli der Mitstreiter nehme ich nicht als Soli wahr. Sie sind eher sowas wie Motivfinder, Handlungsvorschläge, Strukturreformen und Kommentare. Sie werden oft aufgenommen oder wohlwollend toleriert und ermutigt. Immer werden sie respektiert. Schön sind auch die ruhigen Stellen, wenn es weniger dicht zugeht, ohne das ein allgemeines Energiebritzeln, das über der gesamten Platte liegt, an Intensität verliert. Saxophone und Trompete haben immer mal wieder richtig schöne Melodieteile in ihrem Spiel. Die zweite Seite dann hat eine andere Färbung, ist fordender, zerriger. Immer in einem dichten, enorm attraktiven Gruppensound. Exzellente intensive, erstaunlich unnervige Platte.

16.11.2016

CD-Check Mai 2016



Andy Shauf
The Party“ (Anti Records )
Zuverlässig bringt die kanadische Musik-Szene immer wieder höchst talentierte Singer-Songwriter hervor. Auch Multi-Instrumentalist Andy Shauf ist weit davon entfernt, 0815-Weltschmerz-Geschrammel abzuliefern. Fein ist sein melodisches Songwriting, bei dem er vom Piano über Synthesizer und Gitarre bis Schlagzeug und Klarinette alles selbst eingespielt hat, nur das Cello stammt von einem Kollegen. Die Songs auf seinem neuen Album klingen mal aufgeräumter, mal vertrackter, der Gesang hat etwas leicht Beatleskes. Sie erzählen zehn atmosphärische Minidramen über zehn Menschen während einer Partynacht.
5 von 5

Mira, Un Lobo!
Heart Beats Slow“ (Tapete Records)
Klingt so Krise? Der Soundtrack zum wirtschaftlichen Niedergang in Südeuropa? Der Portugiese Luis F. de Sousa verlor Job und Halt. Nur die Beschäftigung mit seiner Musik brachte Linderung, sie wurde sein musikalisches Tagebuch. Das Album, das er mit Freunden seiner alten Band aufnahm, versammelt Musik, deren elektronische Klangflächen sich bedrohlich auftürmen oder hypnotisch kreisen. Passend dazu tragen die Songs Namen wie „Tramador“, ein starkes Schmerzmittel, oder „Like Punching Glass“. Musik von suggestiver Kraft hat „Mira, Un Lobo!“ („Achtung, ein Wolf!“) geschaffen.
4 von 5

Imarhan
Imarhan“ (City Slang / Universal)
Noch eine faszinierende Musikentdeckung jenseits der üblichen europäischen und US-amerikanischen Pop-Pfade ist die algerische Band Imarhan, die traditionelle Tuareg-Klänge mit Gitarren-Rock-Elementen, Jazz und Funk mischt. „Da ist Hoffnung in dem Groove!“, schreibt ein User auf Youtube unter das offizielle, selbst betitelte Video. Und tatsächlich wirkt der Sound der fünf Männer aus dem Süden des Landes treibend und kraftvoll, ohne versponnenen Heile-Weltmusik-Touch, sondern heutig und zeitgemäß. In England machte der Titel-Song bei der BBC gleich mal Rotations-Karriere. Musik, die dem Zuhörer ohne Umschweife Beine macht, Tanzbeine.
4 von 5

Big Thief
Masterpiece” (Saddle Creek Records)
Obwohl es das Debütalbum der US-Band Big Thief ist, umweht den Sound etwas angenehm Retrohaftes, auf eine gute Weise. Es ist ein Rock-Psychedelic-Folk-Album, die Musik hat Struktur und Kraft, ohne vordergründig pathetisch zu wirken. Sie kann druckvoll auftrumpfen, aber sich auch mal zurücknehmen. Die Stimme von Sängerin Adrianne Lenker, hoch und vibrierend, behauptet sich im Zusammenklang mit der verzerrten Gitarre von Buck Meek, wenn er beispielsweise im Song „Interstate“ ein düsteres Klanggewitter abfeuert. Bass und starke Drums tun ihr Übriges. Big Thief zeigen: Man muss das Rad nicht neu erfinden, wenn man es so stimmig ins Rollen bringen kann.
5 von 5
(bejblog)

CD-Check April 2016


Neko Case, K. D. Lang, Laura Veirs
Case/Lang/Veirs“ (Anti Records)
Schlicht selbst betitelt haben die drei formidablen Musikerinnen Neko Case, K. D. Lang ihre erste musikalische Kollaboration. Das Selbstbewusstsein ist angebracht. Ihr Singer-Songwriter-Folk klingt vielschichtig (mit Streichern, Horn, Pedal Steel, Drums, Gitarren, Piano), warm, träumerisch. Etwa im wunderbar mit Cello begleiteten Song „Blue Fires“, der an das großartige Album „July Flames“ von Laura Veirs erinnert. Die drei Stimmen vereint, ergeben ein starkes harmonisches Fundament, auf dem mal die eine, mal die andere Soloparts übernimmt. Wunderbar auch das schleppende, soulige „Why Do We Fight?“. „Georgia Stars“ punktet mit treibenden Drums und dunkel twangender Gitarre. Wunderschön der Dreiklang der Stimmen im sehnsüchtigen „Greens Of June“. Mehr kann man nicht wünschen.
5 von 5

Laura Gibson
Empire Builder“ (City Slang)
Auch sie hat eine Stimme, die man nicht so schnell vergisst: warm, klar und mit einem speziellen Timbre. Laura Gibson ist eine Musikerin, die ihren Sound auf Folktraditionen aufbaut, aber dabei nicht stehen bleibt. Auf ihrem neuen Album setzt sie auf prägnantes Songwriting, zu dem auch mal eine verzerrten E-Gitarre gehören kann, genauso wie eine Pedal Steel oder verwunschene Streicher-Arrangements. Unterstützt wird Gibson von Gitarrist Dave Depper (Death Cab for Cutie) und Drummer Dan Hunt (Neko Case). Herausgekommen ist ein wunderschönes Stück Musik. Frühlingsleicht, ohne ein Leichtgewicht zu sein.
5 von 5

Night Moves
Pennied Days“ (Domino Recording)
Poppig bunt wirkt das Cover des Albums „Pennied Days“. Poppig bunt klingen auch die Songs, zumindest aufs erste Hören. Hinter dem eingängigen Eindruck, mit Gitarren mit viel Hall, sonnigem Gesang und Piano, scheint aber eine weitere Ebene auf, die eher ins Psychedelische weist. Die Folkiges und Retro-Rockiges einpflegt in die Pop-Oberfläche der Songs, die davon handeln, seinen Weg zu finden. Night Moves, 2009 von zwei Schulfreunden gegründet, nennen Musik von Bob Dylan bis Daft Punk als Vorlieben. Nach dem Debüt „Colored Emotions“ zeigen sie sich mit dem Zweitling weiterhin offen für Entwicklungen.
3 von 5

Brass Bed
In The Yellow Leaf” ( Modern Outsider)
Der Name des vierten Album der Band Brass Bed leitet sich ab von einem Essay des US-amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson. Die Musik von Brass Bed aus Lousiana ist dynamischer, sich oft ins Disharmonische steigernder Songwriter-Indie-Rock. Die Stimme von Sänger Jonny Campos klingt meist schmeichelnd sanft und hell, ein Gegensatz zu dem gerne ins Noisige kippenden Sound, wie etwa im Song „“More Than You Can Imagine“. Atmosphärisch düster kommt das schleppenden „Yellow Bursts Of Age“ mit verzerrter Gitarre daher. Famos, das rhythmisch vertrackte „Figure It Out“. Eine spannende Angelegenheit.
4 von 5
(bejblog)

14.11.2016

THE JIMI HENDRIX EXPERIENCE in punky mono

THE JIMI HENDRIX EXPERIENCE
are you experienced?
(Barclay, französisches Reissue von 1971, Mono Mix)

Giftig, noisig, direkt. Hätte nicht gedacht, dass mir Jimi Hendrix nochmal soviel Spaß machen würde, aber dieser laute, aufgekratzte Mono-Mix auf Barclay ist so fernab von aufgeräumt und transparent, dass auch ich jetzt endlich mal so richtig voll auf meine drecklärmigen Kosten komme. Eine Ohrfeige für Ohren, die sich nach wohlgeordneter Klangwärme sehnen. Die Experience war einfach seine beste Band, die drei waren auf gleicher Höhe und haben eine Art Überfallkommando des Rock'nRoll gebildet. Hendrix hier noch ungeheuer konzentriert, ökonomisch und mit leichter Hand inszeniertem Kontrollverlust. Man kann sich nie sicher sein, ob alles weiterhin zusammenhält oder im nächsten Augenblick explodiert. Er spielt noch fernab vom Käfig des Superstardoms, den ihm sein Publikum wenig später bauen sollte, indem es sogar sein Stimmen der Gitarrensaiten bejubelte.

Platte kommt im extraöden Barclay-typischen Exklusiv-Cover:


HAINO/ O'ROURKE/ AMBARCHI geweingläsert

HAINO/ O'ROURKE/ AMBARCHI
now while it's still warm let us pour in all the mystery
2013

Keiji Haino ist ein Performance-Gott an der Gitarre und an allem anderen, mit dem er seinen Lärm gestaltet. So auch auf Folge 4 seiner Impro-Platten mit Jim O'Rourke und Oren Ambarchi, "Now While It's Still Warm Let Us Pour In All The Mystery".


Diesmal sind auf dem ersten der sechs Tracks sogar zwei Gäste dabei - am Weinglas. Zusammen wird dort dann zu fünft geweingläsert, während Hainos helle Stimme all die Mysterien in das wimmernde Glas füllen darf, die der Albumtitel verspricht. Dann wieder scheut er sich nicht, an der Schamanenflöte zu glänzen. Natürlich sind auch die noisigeren Exkursionen wieder dabei, wo sich aus Bass (O'Rourke) und Drums (Ambarchi) bisweilen krautig-motorische Backgrounds entwickeln, über die dann Haino seine scharfen Krachkanten auf der E-Gitarre kerbt.




10.11.2016

CD-Check Februar 2016


Animal Collective
Painting With“ (Domino Records)
Es piepst und orgelt, stampft und gluckert, wie Kinderspielzeug in den Händen von Erwachsenen, von sehr kreativen Erwachsenen. Popbunt und psychedelisch kommt das neue Album von Animal Collective „Painting With“ daher. Synthesizer legen schnelle Rhythmen unter den Opener „FloriDada“, wie ein Kaleidoskop fächert sich der mehrstimmige Gesang im Stück „Lying In The Grass“ auf. Ist es Pop? Ist es Elektronik? Ist es Psychedelic? Ist es auf jeden Fall, und zwar alles drei. Die New Yorker Band erweist sich – einmal mehr - als bunte Wundertüte. Aufgenommen wurden die immer wieder überraschenden, hochgeschwinden Songs in den East West Studios in Hollywood, in denen auch die Beach Boys gearbeitet haben. Ein Trip.
4 von 5

Birds Of Chicago
Real Midnight“ (Five Head Entertainment/Cargo Records)
Ihre Musik sei „weltlicher Gospel“ sagen die beiden Macher der US-Band Real Midnight, J.T. Nero und Allison Russell. Er schreibt die Songs, sie übernimmt meist die Frontstimme, auch im wahren Leben sind die beiden ein Paar. Weltlicher Gospel, kann es das geben? Was die Intensität ihrer Musik angeht, auf jeden Fall. Stilistisch haben Birds Of Chicago keine Scheuklappen auf: Countryeskes steht neben Rockigem, Tanzbares neben Meditativem. Und Soul hat es sowieso jede Menge, wenn Allison Russell ihre warme, strahlende Stimme erhebt, getragen von einem formidablen Background-Chor. Geschmückt durch den Sound einer Sixties-Orgel, genauso wie durch Steel-Gitarre, Banjo, Piano oder Blues Harp. Wunderschön.
5 von 5

Your Friend (Domino Records)
Gumption“
Sie lässt ihre Stimme schweben, dazu hallt und braust es, geloopte Sounds scheinen auf und verschwinden wieder. Your Friend, dahinter steckt die junge US-Musikerin Taryn Miller, die mit „Gumption“ ihr Album-Debüt vorlegt. Miller schickt einen durch verrätselte Sound-Landschaften, unternimmt ambientige Forschungsreisen durch den Äther. Zeitweise fühlt man sich an den Altmeister Brian Eno erinnert. Die studierte Musikerin Miller spielt selbst die Gitarre, Bass, Drums, Synthesizer und bedient Loop-Station und Tonbandgerät, hat aber auch noch ein paar Gastmusiker an ihrer Seite. Trotzdem: Auf die Dauer ist das Ergebnis – besonders der Gesang – einfach zu eintönig geraten.
2 von 5

(bejblog)